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06. Juli 2013 00:00 Uhr

Graphic-Novel

Der grandiose Comic "Blast": Psychogramm eines Außenseiters

Der Franzose Manu Larcenet nutzt eine klassische Verhörsituation als Rahmen für seine impulsive Graphic-Novel-Serie "Blast": Ein Comic, in dem Tiere zu Gefährten der Düsternis werden.

  1. Uh, ein Uhu: Larcenets Tiere sind Gefährten der Düsternis Foto: -

  2. Schweben, wenn der Blast kommt Foto: verlag

  3. Manu Larcenet Foto: afp

Wenn man ihn in Ruhe lässt, nimmt der menschliche Körper einen scharfen, ranzigen Geruch von Urin, Schweiß und Moder an." Mild lächelnd schildert Polza Mancini, wie er stank, als er im Wald lebte, und wie es ihn beglückte. Abends sei er sich oft mit der Hand durch den Schritt gefahren: "Wie ein Kind mit seinem Kuscheltier schnüffelte ich das köstlich scharfe, organische Aroma, tröstlicher Lohn jedes Tages meiner Freiheit, und schlief ein". Jetzt sitzt der unappetitliche Fleischberg auf dem Polizeirevier. Er steht unter Anklage. Was hat Mancini der jungen Carole Oudinot angetan, die im Koma liegt?

Der Franzose Manu Larcenet nutzt eine klassische Verhörsituation als Rahmen für seine impulsive Graphic Novel-Serie "Blast": Auf der einen Seite zwei Polizisten, die angewidert herausfinden sollen, was geschehen ist. Ihnen gegenüber der schwitzende, massige Mancini mit seinem Dauergrinsen. Wie gern würden es die Beamten ihm austreiben, den Dicken auf die harte Tour vernehmen. Dann könnte der aber dicht machen, warnen die Psychiater. "Wenn Sie verstehen wollen, müssen Sie durchmachen, was ich durchgemacht habe", verkündet Mancini genüsslich und setzt an, seine Lebensgeschichte episch auszubreiten. Am Anfang des zweiten Bandes von "Blast", der gerade auf Deutsch erschienen ist, stirbt Carole Oudinot. Nun gibt es nur noch eine Wahrheit – die des Polza Mancini.

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Larcenet wechselt ab zwischen Mancinis Geschichten und Polizeirevierszenen. "Blast" ist jedoch mehr Psychogramm, sozialkritische Außenseiterstory oder Psychothriller als Krimi. FAZ-Kritiker Andreas Platthaus ("ein Comic wie ein Faustschlag, grandios gezeichnet, kompromisslos erzählt") schlug vor, "Blast" als eigene Gattungsbezeichnung einzuführen. Schon zu Beginn erscheint Mancini in seiner Zelle ein Moai, eine der monumentalen Steinfiguren der Osterinsel. Ist der Fettsack irre oder tut er nur so, um mildernde Umstände herauszuschinden? Sein Leben war, erzählt er anfänglich, halbwegs glücklich und normal. Als Schriftsteller führt er eine bürgerliche Existenz. In die Krise stürzt ihn der Anblick seines todkranken Vaters. Manzini flieht. Er pumpt sich in einer Straßenecke mit Alkohol und Schokolade voll, bis er sich übergeben muss: "Genau in diesem Moment kam der Blast." Ein Knacken im Kopf, wie von brechenden Knochen. Müdigkeit, Schwere, dann Leichtigkeit. Der Dickwanst schwebt: "Ich war leicht… Ich! Alles war klar. Ich sah die Welt, wie sie war und nicht, wie ich sie mir dachte." Er zieht in den Wald, trifft andere Außenseiter, treibt umher: "Im Grund wollte ich wieder den Blast erleben." Völlig gehen lässt sich der Befreite, konsequent und selbstzerstörerisch. Er verwahrlost, stinkt, säuft, frisst selbst rohe Ratten, kotzt, verstümmelt sich selbst. Doch der Blast überkommt ihn nur vereinzelt – meist im Rausch oder in Verbindung mit krankhaftem Nasenbluten und Bildern des sterbenden Vaters. Allerdings wird der Kick, an dessen Ende sich immer ein Moai zeigt, ständig schwächer.

Streckenweise scheinen Larcenets virtuose, schwarz-graue Zeichnungen zu schreien und zu wimmern. Ihre wilde emotionale Kraft wühlt auf. Ruhe kehrt nur auf dem Polizeirevier ein. Farbe bringt nur der Blast. Da flirren bunte Kinderzeichnungen, Tiere und Gekrakel, über Mancinis Kopf. Sonst beleuchtet Larcenet die menschlichen Abgründe, mit fast brachialer Intensität.

Wilde emotionale
Kraft

Er gibt den Polizisten und Lesern reichlich Grund, sich vor Manzini zu ekeln. Doch der sanfte Koloss gewinnt mit jeder Seite. Er wirkt unerschütterlich, ist stets freundlich, drückt sich gewählt aus, was der Freiburger Uli Pröfrock schön ins Deutsche übertragen hat. Erklärungen liefert erst Band zwei: Sich den Normen einer Gesellschaft zu unterwerfen, die einen verachtet, ist eine schwere Bürde. Für Mancinis Exzesse regt sich leises Verständnis. Zunehmend mutet die Philosophie des Antihelden logisch und konsistent an. Larcenet, der seit zwanzig Jahren Comics zeichnet, wurde in Deutschland durch Kollaborationen mit Lewis Trondheim und Joan Sfar ("Die Kosmonauten der Zukunft", "Donjon") bekannt. Seine eigenen Serien "Der alltägliche Kampf" und "Blast" erhielten viele Preise. Letztere zählten die Expertenkommission des Schweizer Tagesspiegels, die Welt und die FAZ zu den besten Comics 2012. Manzini ist gewiss kein Adonis, "Blast" kein offenkundiger Augenschmeichler. Die wuchtige Serie packt aber sofort mit Krimispannung, durch ihre Unbändigkeit, mystische Einschläge und das Spiel mit der Realität. Larcenet sät in Band zwei Zweifel an dem, was Mancini kund tut. Der Kerl lügt – manchmal oder ständig? Wohin "Blast", das auf vier Bände angelegt ist, führt, bleibt offen. Die düstere Stimmung lässt kein versöhnliches Ende erwarten.

Allerdings unterwirft Mancini seiner Zügellosigkeit nicht alle Werte. Einen Winter verbringt er mit dem Drogendealer Jacky, der sein Geld in Büchern anlegt und ein finsteres Geheimnis hütet. Dahinter kommt Mancini erst beim Abschied. Als die Polizisten ihm später ein Foto von Jacky zeigen, erschrickt Mancini: "Lassen Sie ihn nicht wieder laufen!" Er hat sich Moral bewahrt. Kann so jemand ein Mörder sein?

– Manu Larcenet: Blast. Zwei Bände. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Reprodukt Verlag, Berlin 2012/2013. Je 208 Seiten, 29 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger