Scherze über das eigene kulturelle Erbe

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

So, 02. Dezember 2018

Literatur & Vorträge

Der Sonntag Der Freiburger Ulrich Pröfrock und seine Übersetzung von Catherine Meurisse’ Bildergeschichten "Olympia in Love".

Zu einer hinreißenden Graphic Novel mit zahllosen kulturellen Bezügen hat Catherine Meurisse eine witzige Liebesgeschichte verarbeitet. Der Freiburger Ulrich Pröfrock hat übersetzt, beide werden das Werk am 12. Dezember in der Passage 46 vorstellen.

Wenn Ulrich Pröfrock von seiner Übersetzung von Catherine Meurisse’ Graphic Novel "Olympia in Love" erzählt, fällt ein Wort, das man üblicherweise vermeidet. Pröfrock spricht von einem zwangsläufigen Scheitern. Scheitern meint hier jedoch weniger ein persönliches Versagen als die Differenz zwischen französischer und deutscher Kultur. Denn in Frankreich, wo die großen Museen nicht den Comic scheuen und Zeichner und Autoren beauftragen, sich mit ihren Sammlungen auseinanderzusetzen, kann man nicht nur so etwas Hoch-Intellektuelles wie den Poststrukturalismus machen. Sondern mit viel Humor und einer gewissen Leichtigkeit auch anspielungsreiche Scherze über das eigene kulturelle Erbe. Man müsste lange nach einer deutschsprachigen vergleichbaren Veröffentlichung suchen und bliebe vermutlich erfolglos. Diesen Unterschied zu vermitteln, zumal auf einem derart beschränkten Raum wie einer Sprechblase, zeigt, dass Übersetzen eben viel mehr ist als eine wörtliche Übertragung. Pröfrock jedenfalls wurde schon mehrfach für seine Arbeit ausgezeichnet. In diesem Jahr gab er seinen Laden X für U auf, um sich mehr dem Übersetzen von Comics widmen zu können.

"Olympia in Love" geht auf eine Zusammenarbeit zwischen dem Pariser Musée d’Orsay und der Comiczeichnerin und -autorin Catherine Meurisse zurück. Pröfrock hatte bereits Meurisse’ Graphic Novel "Die Leichtigkeit" übersetzt, in der die Karikaturistin von ihrer Verarbeitung des Anschlags auf Charlie Hebdo berichtet, dem sie nur durch einen Zufall entkam. Vor einigen Wochen gab er die Übertragung ihrer dritten Veröffentlichung "Das weite Land" in Deutschland ab. Im Frühjahr wird sie erscheinen. "Olympia in Love", deren Besonderheiten Ulrich Pröfrock am 12. Dezember in der Reihe "Andruck" vorstellen wird, ist vom Attentat völlig unbelastet, es entstand 2014. Die Graphic Novel ist eine sehr witzige Liebesgeschichte zwischen Olympia und ihrem Romain, deren verschiedene Bild- und Erzählebenen mit großer Leichtigkeit verwoben sind. Es geht um den Konflikt zwischen der Salonmalerei und den Impressionisten im 19. Jahrhundert und um den zwischen Film und Musical. Nicht grundlos treffen wir Olympia erstmals, als sie sich zum fünften Mal eine Shakespeareverfilmung ansieht, denn "Romeo und Julia" wird ihr zur Folie für die eigenen Gefühle und zum Versprechen auf eine Karriere als Schauspielerin. Man kennt Olympia als lasziven Akt auf dem Diwan mit Orientalin, Katze und Blumenstrauß. 1863 malte sie Éduard Manet und löste damit einen der großen Skandale der Kunstgeschichte aus. Dass eine nackte Frau, die zweifellos eine Prostituierte sein musste, den Betrachter derart direkt anschaute, war unerhört frivol, schließlich geriet dieser in die Rolle des Freiers. Heute ist das Bild wie die 49 anderen, die Meurisse hier neu interpretiert und belebt, im Musée d’ Orsay zu sehen.

Nur einer der Witze des Comics ist, dass Meurisse’ Olympia bis auf ein Samtband, das sie um den Hals trägt, splitterfasernackt alle sexuellen Zumutungen der Filmindustrie an sich abprallen lässt – manchmal trägt sie immerhin Pantoletten. Die bloße Haut ist bei Meurisse kein Zeichen ihrer Käuflichkeit, sondern ihrer Naivität. Treuherzig ignoriert sie, dass im Filmgeschäft diejenige die besten Rollen bekommt, die die Besetzungscouch nicht verachtet. Der Schock darüber, sich verkaufen zu sollen, sitzt bei ihr so tief, dass sie einmal als Arschbombe in eine Szene von Bouguereau stürzt und die Aufnahme verdirbt. Und dann hängt sie auch noch der Idee der romantischen Liebe nach, auch dann noch, als ihr Romeo sie längst mit ihrer Gegenspielerin Venus betrügt. Schön ist auch, dass ihr Page, es ist der Pfeifer von Manets bekanntem Bild, als Running Gag für seine Vorlautheit ständig einen Blumenstrauß übergezogen bekommt.

Ulrich Pröfrock, der in Frankreich aufwuchs, kennt auch die subtileren Scherze der Autorin. Jene, für die es einen ganzen Anmerkungsapparat bräuchte. Etwa, dass ausgerechnet die nordafrikanische Freundin Olympia Sprechunterricht gibt, obgleich man sich ansonsten gerne über das rollende R der französisch sprechenden Nordafrikaner lustig macht. Geht Pröfrock auf die Feinheiten der Anspielungen ein, kommt er schnell von der groben Blutwurst Boudin als wenig schmeichelhafte Bezeichnung für die Schauspielerin Venus über die Uniform der Fremdenlegion und ihr gleichnamiges Marschlied hin zum Salonmaler William Adolphe Bouguereau und streift auch noch das französische Kino. Beim deutschen Leser kann man dieses Wissen kaum voraussetzen, als Übersetzer muss Pröfrock Analogien im Deutschen suchen. Das Sympathische daran ist, dass es weniger wie eine Schulstunde anmutet, sondern wie ein Cancan, wenn nicht gar wie ein Musical.
Catherine Meurisse, Olympia in Love, übersetzt von Ulrich Pröfrock, Berlin 2018, Reprodukt Verlag, 72 Seiten, 18 Euro
Freiburger Andruck mit Ulrich Pröfrock und Catherine Meurisse, Moderation: Bettina Schulte, Mittwoch, 12. Dezember, 20.15 Uhr, Passage 46, Theater Freiburg