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08. Juli 2009 16:45 Uhr

Massen-Literatur

Textfestival: Hunderte Freiburger schreiben Kurzgeschichten

Hunderte Menschen schreiben in Freiburg an fünf Kurzgeschichten – in sogenannten Textboxen, die über die Stadt verteilt sind. Das Ergebnis wird am Samstag von zwei Impro-Theatergruppen interpretiert.

  1. Bunter Ort des kreativen Schreibens: Die Textbox auf dem ZMF Foto: Promo

Minutenlang steht die junge Frau in der schwarz bemalten Holzbox am Platz der Weißen Rose, direkt neben dem Europa-Café in der Freiburger Universität. Sie lächelt, als sie herauskommt. "Es war interessant zu sehen, was derjenige vor mir geschrieben hat, um dann spontan daran anzuknüpfen", sagt die Philosophie-Studentin Beate Kury. Auch Nico Raub geht in die Box, klickt sich am Laptop durch die Stichworte und überlegt, zu welchem er einen Beitrag verfassen möchte. Er entscheidet sich für den Begriff Einsamkeit. "Es ist schwierig, sich in die Gedanken des vorherigen Schreibers hineinzuversetzen", sagt der Jura-Student. "Ich bin deshalb skeptisch, ob auf diese Weise gute Geschichten entstehen."

JEDER AUTOR HAT 300 ZEICHEN

In der Tat ist es ein Experiment, was derzeit in Freiburg stattfindet: Seit einer Woche sind an verschiedenen Orten in der Stadt Boxen aufgestellt, in denen die Menschen gemeinsam fünf Fortsetzungsgeschichten schreiben, je eine zu jedem der fünf Stichworte zum Internetzeitalter, die zur Auswahl stehen: Distanzüberbrückung, Himmelhoch & Bodenlos, Einsamkeit, Freundschaft, Zukunft. Jeder hat 300 Zeichen, etwa so viel wie in zwei SMS – und jeder sieht nur das, was sein Vorgänger geschrieben hat. Die Internet-Version des Kinderspiels also, bei dem die Teilnehmer einen Satz auf ein Blatt Papier schreiben und es dann umknicken. Vielleicht stehen am Ende literarische Texte, möglicherweise driften die Beiträge aber auch weit auseinander. "Festival für mutierende Texte" heißt deshalb das Event, das vom 9. bis 11. Juli in Freiburg stattfindet – mit multimedialer Literatur-Performance, Poetry Slam, Improvisationstheater und eben jenen Fortsetzungsgeschichten, die derzeit entstehen.

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50 BIS 100 BEITRÄGE TÄGLICH

Veranstalter ist der Verein Artoholics, zudem ist das Projekt die Abschlussarbeit der Freiburger Kulturmanagement-Studenten Tanja Rochow, Julian Arayapong und Sebastian Sardowski. Dahinter steht die Idee, das Medium Internet in die klassischen Kulturfelder Literatur und Theater zu integrieren. Gleichzeitig sollen die Menschen in der realen Welt zusammenkommen, um gemeinsam Geschichten zu erzählen – unabhängig von Alter, Bildungsgrad und sozialem Status.

Die meisten Autoren gewinnen die Organisatoren, indem sie die Menschen direkt ansprechen, um ihnen die Idee zu erklären. Etwa 50 bis 100 Beiträge kommen so täglich zusammen. Mit den Textboxen in der Innenstadt und auf dem ZMF sei es gelungen, bei den Autoren einen Querschnitt durch die Gesellschaft zu erreichen, berichtet Tanja Rochow. An die Boxen nahe der Universität dagegen kommen vor allem Studenten, viele Beiträge sind dort etwas intellektueller. Und in den Clubs stehen die Themen Sex und Alkohol im Vordergrund. Die meisten Autoren jedoch nehmen sich Zeit und versuchen, an den Text des Vorgängers anzuknüpfen – mal nachdenklich, mal humorvoll. Dagegen sind es nur wenige, die das Projekt offensichtlich nicht ernst nehmen.

VORLAGE FÜR IMPROVISATIONSTHEATER

Am Samstagabend interpretieren die Improvisations-Theatergruppen "Lux" und "L.U.S.T." im Freiburger Theater die Fortsetzungsgeschichten, indem sie einzelne Passagen in ihrem Spiel verarbeiten. Währenddessen werden die Texte immer noch fortgeschrieben, sagt Rochow – neue Sätze werden den Akteuren auf der Bühne live zugespielt. Viele Autoren sind schon jetzt gespannt auf das Ergebnis. So wie Julia Pfeiffer, die in der Box am Platz der Weißen Rose drei Beiträge geschrieben hat. "Da kommt bestimmt eine abgefahrene Geschichte raus", sagt die Jura-Studentin lächelnd: "Und wenn mein Text am Samstag dabei ist, freue ich mich natürlich."
  • Der aktuelle Stand der Fortsetzungsgeschichten sowieInformationen zum Festivalprogramm und zu den Standorten der Textboxen: Internetseite des Festivals

Autor: Nicolas Scherger