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30. April 2010

Vom Punk zum Techno: Jürgen Teipels Roman „Ich weiß nicht“

Jürgen Teipel meldet sich mit einem schmalen Bändchen zurück, das er seinen „ersten richtigen Roman“ nennt.

  1. Jürgen Teipel Foto: Jürgen Bauer

  2. Am Ende von Jürgen Teipels Roman ist die Straße der Dancefloor. Foto: vario

Im Herbst 2001 veröffentlichte Jürgen Teipel einen großartigen "Doku-Roman" über die deutsche Punk- und New-Wave-Szene. "Verschwende deine Jugend" war Pop-Geschichtsschreibung vom Feinsten: neugierig, distanzlos und auf ebenso besessene wie fleißige Weise ohne Maß. Hunderte von Interviews hatte der Journalist und Gelegenheits-DJ für sein Buch geführt und zusammenmontiert, hatte mit Musikern, Fanzine-Machern, Groupies oder Kneipenwirten geredet und sich immer wieder erzählen lassen, was damals ging, 1977 bis 1981, in den Jahren des Aufbruchs zwischen Hamburg, Düsseldorf und Berlin. Es hagelte viel Lob für Teipels Subkultur-Thriller, dann wurde es still um den Autor, der zwischenzeitlich in Freiburg lebte. Jetzt wissen wir warum: Er war wieder auf Recherche, diesmal in der Techno-Szene.

Nun meldet sich Teipel mit einem schmalen Bändchen zurück, das er seinen "ersten richtigen Roman" nennt. Fett prangen auf dem Cover die Worte "Ich weiß nicht", vor ein Dschungelfoto montiert, und schon auf den ersten Seiten ahnt man, dass dieser Titel Programm ist: Es gibt wohl nur wenige Texte, in denen sich auf derart kurzer Strecke so oft wie hier Vokabeln wie "echt", "total", "sozusagen" und "irgendwie" jagen und damit eine Aura indifferenter Begeisterung und seltsam unentschiedener Sinnsuche schaffen.

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Es ist die Geschichte eines Techno-DJ-Quartetts aus Regensburg und Berlin, das sich auf gemeinsamer Tour durch Mexiko in, ja, sagen wir: Beziehungsarbeit ergeht. Man kann es im ersten Moment kaum fassen: Kein Gedanke scheint zu schlicht, kein Argument zu billig, keine Phrase zu abgedroschen, um das Einmaleins des sozialen Ein- und Ausschlusses durchzudeklinieren, das dieses postpubertäre Grüppchen in prekärem Gleichgewicht hält.

Noch weniger aber kann man fassen, wie der anfangs nervtötende WG-Küchentisch-Slang der Protagonisten, den Teipel laut Pressetext "langen Afterhours abgelauscht" hat, nach einigen Seiten wider Erwarten einen so zwingenden Sog erzeugt, dass man hinter seiner hilflos tastenden Unschärfe plötzlich das genaue Gegenteil entdeckt: die langsame Präzisierung eines Gefühls, das seinen Ursprung in dem Wunsch hat, in etwas Größerem aufzugehen und sich deshalb gerne mit den Utopien des Pop verbrüdert.

Dazu muss dann gar nicht viel passieren: Man reist von Stadt zu Stadt, führt echt gute Gespräche mit den mexikanischen Fans, die brav die Diskussionsveranstaltungen vor der großen Sause besuchen, auf Einladung des lokalen Goethe-Instituts oder der kommunalen Musikschule.

Und weil es irgendwie trotzdem an allen Ecken und Enden knistert und knirscht in dieser Viererbeziehung, reitet man schließlich in die Wüste, um Haschkekse und Peyote zu essen, der Einheit stiftenden Rauscherfahrung wegen. Der Erfolg bleibt nicht aus: Am Ende stellt der Ich-Erzähler überrascht fest, dass doch irgendwie alles mit allem zusammenhängt und dass die Leute, egal, ob man sie man liebt, sie einem die Laune verderben oder einen mit irgendwelchem esoterischen Quatsch zutexten, im Grunde genommen alle das Gleiche wollen, wie man selbst: Glück.

Keine Frage: So erbaulich hat Popliteratur schon lange nicht mehr geklungen, mehr Naivität gab’s selten. Doch das gehört zum Kalkül dieses Romans. Im Interview mit dem Freiburger Studierendenmagazin alberta sagt Teipel, es sei ihm hier um die "Basics der Jugendkultur" gegangen, um Kommunikation, Geschichte und Politik im Kleinen. Um Identität im Entfaltungsstadium. Auch wenn man es beim Lesen vor Fremdscham manchmal kaum aushält – recht hat er. Wo Teipel in den Anekdoten seines Debüts "Verschwende Deine Jugend" die Halbwertzeit des Utopischen maß, ist dem 49-Jährigen mit seinem Techno-Roman ein toller Balanceakt zwischen Peinlichkeit und Prägnanz gelungen, in dessen Zentrum das Bemühen steht, die kleinen Ewigkeiten gemeinschaftlichen Glücks in den Alltag zu retten. Überraschender hätte die Fortsetzung seiner Punk-Doku kaum ausfallen können.
– Jürgen Teipel: Ich weiß nicht. Roman. Dumont, Köln 2010. 120 Seiten, 14,90 Euro. Lesung auf Einladung der Jos-Fritz-Buchhandlung: Freiburg, Jos-Fritz-Café, Di, 4. Mai, 20 Uhr.

Autor: Dietrich Roeschmann