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01. August 2014 00:02 Uhr

ZMF

Marialy Pacheco, ihr Trio und Gäste im Spiegelzelt

"Ist das ein Handy? Hey, was soll das?", ruft Marialy Pacheco dem Klingelton entgegen, der sie bei ihrem Auftritt auf dem Zelt-Musik-Festival am Mundenhof fast übertönt. Liefert aber dann nach: "Ist okay, meins ist auch an da hinten."

  1. Marialy Pacheco Foto: Wolfgang Grabherr

Es sind neben den musikalischen Qualitäten ihre immer wieder entwaffnend frischen Ansagen, die das Publikum begeistern. Und die viele verpasst haben, denn das Spiegelzelt ist nur zu einem Drittel gefüllt. Vielleicht, weil Kuba hierzulande immer noch am Prädikat "Buena Vista" aufgehängt wird? Der Altherren-Club und seine unzähligen Epigonen haben eine Bühnen-Monokultur von kubanischer Musik geschaffen, die nun erst langsam wieder korrigiert werden muss.

Wie anders alte Musik von der Karibikinsel klingen kann, wenn sie in eine zeitgenössische Jazzsprache übersetzt wird! Zum Beispiel, als die 31-jährige Pianistin die Zuhörer mit einem afro-kubanischen Wiegenlied begrüßt, das sie schmissig und mit vielen Tempowechseln arrangiert hat, schließlich in einen hitzigen Montuno, dieses drängende Begleitmuster aus dem Son, münden lässt. Pacheco stürzt sich mit so viel Verve in ihr Tastenspiel, dass sie unwillkürlich mitsingt. Mit großem Gespür für Dramaturgie entwickelt sie Improvisationen aus sparsamen Figuren erst allmählich zu mitreißender Wucht.

Ihre beiden kolumbianischen Mitstreiter halten da locker mit: Juan Camilo Villa lässt seinen fünfsaitigen E-Bass herrlich elegant singen, Drummer Miguel Atlamar ist sowohl souveräner Beatgeber als auch erfindungsreicher Schlagwerker, kostet querstehende Rhythmik aus, wählt je nach Dynamik des Pianos die passenden Schlagstöcke. Einen Celia-Cruz-Klassiker bringen die drei als zärtlichen Bolero, der sich dann in einen rasant gehämmerten Dreierrythmus wandelt. Oder das Stück "Metro": Mit schön sich nach unten "abrollenden" Figuren zeichnet Pacheco hier den schnaufenden Schnellzug aus ihrer Heimat nach. "Das Stück hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, denn jetzt kenne ich ja auch den ICE!" Dann holt sie Joo Kraus auf die Bühne, der die "Tres Lindas Cubanas" auf dem Flügelhorn mitgestaltet: Gegenseitig schaukeln sich Pianistin und Bläser von sanftem, versunkenen Balladenton zu feurigem Tänzeln hoch.
Kraus ist es auch, der mit mal gedeckter Melancholie, mal hitziger Expressivität das zweite Set belebt. Und das hat einen völlig anderen Charakter: Im Mittelpunkt steht nun die Sängerin Olvido Ruiz Castellanos, eine Schönheit, die in ihrem marmorierten Kleid wie eine exotische Amphore anmutet. Doch Castellanos, die Klassiker und eine Eigenkomposition singt, wirkt künstlich sexy, haucht mehr als dass sie phrasiert, kokettiert mehr als dass sie berührt. Erst in "Tres Palavras" kann sie in einem Flirt mit dem verlegenen Kraus überzeugen, der auf ihre vokalen Annäherungen mit grandiosen Trompetenlinien antwortet, ganz in der Manier eines inspirierten Soneros. Die Wendung zur Salsa-Party gelingt, doch das spannende Gesicht des modernen Kubas zeigte sich zuvor.

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Autor:            Stefan Franzen