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21. Dezember 2011

"Mit Sex sind wir bald ganz durch"

TICKET-INTERVIEW: Rupert Everett über Emanzipation, virtuelle Kommunikation und Kapitalismus.

  1. Rupert Everett Foto: AFP

Rupert Everett (52) war einer der ersten Schauspieler, die ihre Homosexualität öffentlich machten. Die Karriere hat es ihn nicht gekostet, aber er bekam danach nur noch selten Hauptrollen angeboten. Der Brite spielte mit Julia Roberts ("Die Hochzeit meines besten Freundes") und Madonna ("Ein Freund zum Verlieben") und gibt jetzt in der Komödie "In guten Händen" einen Erfinder, der Ende des 19. Jahrhunderts einen elektrischen Staubwedel zum ersten Vibrator der Welt umfunktioniert. Markus Tschiedert traf Rupert Everett zum Exklusiv-Interview.

Ticket: "In guten Händen" erzählt auf amüsante Weise, wie der Vibrator erfunden wurde. Eine Geschichte, die Sie sofort angezogen hat?
Rupert Everett: Als mir die Idee angetragen wurde, musste ich erst mal lachen. Zugleich war ich fasziniert davon, unter welchen Umständen der erste Vibrator der Welt entstanden ist. Wie so viele wusste auch ich nichts davon.
Ticket: Das viktorianische England war die Zeit der technischen Revolution und des Aufbruchs. Hätten Sie diese Epoche gern miterlebt?

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Rupert Everett: Also wenn ich gesund geblieben wäre, hätte ich diese Zeit wahnsinnig gern miterlebt. Aber wahrscheinlich wäre ich damals an Syphilis erkrankt, und diese Vorstellung gefällt mir weniger. Was mir an dieser Zeit so gefällt, ist, dass die Welt noch weitgehend unentdeckt war. Die Welt bereisen, hieß damals, sich noch auf ein Abenteuer einzulassen.
Ticket: Auch in sexueller Hinsicht?
Everett: Sicher auch das – weil die Menschen ein größeres Verständnis für Sauberkeit entwickelten. Noch im 18. Jahrhundert war das Küssen noch sehr gefährlich, weil die Hygiene so schlecht war, dass man womöglich die faulen Zähne des anderen im eigenen Mund hatte. Versailles konnte man vier Meilen gegen den Wind riechen. Die Menschen machten in der Ecke schnell mal ihr Geschäft und tanzten dann weiter. Wie die Sex hatten, will man gar nicht wissen. Selbst im 19. Jahrhundert zogen sich die Leute beim Sex nicht aus, weil es einfach zu kalt war. Erst mit Einrichtungen von Badehäusern änderte sich das Bewusstsein für Körperhygiene, und ich glaube, dass vor allem die Erfindung von Warmwasseranlagen ein wesentlicher Schritt war, Sexualität so auszuleben, wie wir es heutzutage tun.
Ticket: Ist es heute auch selbstverständlicher geworden, dass man Sexspielzeuge gebraucht?
Everett: Unser Film ist ein gutes Beispiel, wie das alles angefangen hat. Besonders für Frauen hat sich seitdem viel verändert. Sie waren ja damals noch nicht mal wahlberechtigt. Auch die Zeit, als Männer ihre Frauen am liebsten nur in der Küche sahen, ist vorbei. Was vor allem mit Gier zu tun hat: Wenn die Frau auch arbeitet, kommt mehr Geld in die Kasse. Nur wir Männer haben uns kaum verändert und sind heute recht tragische Figuren.
Ticket: Demnächst stehen Sie in "The Happy Prince" als Oscar Wilde vor der Kamera, der ein Idol für Sie ist. Kann man das sagen?
Everett: Oscar Wilde war in seiner Zeit ein Popstar, der durch Skandale zerstört wurde. Er war ein Ausgestoßener, und das hat mich schon in meiner Jugend fasziniert. In den 70ern identifizierte man sich mit Typen wie auch James Dean, denen Tragisches passiert ist, die leiden mussten. Das hat sich total gewandelt, heute will sich niemand mehr mit Außenseitern identifizieren.
Ticket: Bedauern Sie das?
Everett: Das Showbusiness ist zu einem kommerziell ausgerichteten Regelwerk geworden. Ich glaube, dass selbst das Fleischkleid von Lady Gaga ein reines Kalkül ist. Wir leben in einer kommerzialisierten Welt, und wer nicht Teil davon ist, existiert nicht. Dazu kommt, dass wir längst von Computern regiert werden. Wir kommunizieren nur noch virtuell. Wenn man als Schwuler etwa Sex haben will, muss man erst mal Fotos seines Körpers per E-Mail oder so herausschicken.
Ticket: Der nächste Schritt wäre eine Sexmaschine für Zuhause...
Everett: Ach, ich denke, dass wir mit Sex bald ganz durch sind. Wahrscheinlich erleben wir gerade das letzte Aufbegehren, danach schlittern wir in ein anderes Zeitalter, mit dem auch der Kapitalismus enden wird. Die Menschheit verdummt zusehens, und was kommen mag, weiß keiner. Aber bis es so weit ist, sollten wir umso bewusster leben.

IN GUTEN HÄNDEN

Regie: Tanya Wexler
Mit Maggie Gyllenhaal, Rupert
Everett, Hugh Dancy und anderen
100 Minuten, frei ab 12 Jahren
Die Story
Im London des Jahres 1880 sucht der junge Mortimer Granville (Hugh Dancy) eine Anstellung als Arzt und trifft den aufgeschlossenen Kollegen Dr. Dalrymple (Jonathan Pryce), der sich auf die Behandlung sogenannter hysterischer Frauen spezialisiert hat. Die – natürlich rein medizinische! – Intimmassage der Damen ist erfolgreich, aber anstrengend. Bis
Mortimers Freund Edmund (Rupert Everett) ihm mit einer genialen
Erfindung zu Hilfe kommt.

 

Autor: bz

Autor: tsc