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26. März 2011 00:08 Uhr
Deutsche Geschichte
Moltke-Briefe: Dokumente der Liebe und des Glaubens
Der Briefwechsel zwischen Freya von Moltke und ihrem inhaftierten Mann Helmuth James von Moltke aus dem Jahr 1944 ist als Buch erschienen. Eine Rezension.
Nazi-Deutschland, Herbst 1944. Der Gutsbesitzer, Wehrmachtsoffizier und Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke ist vor dem Volksgerichtshof wegen Landes- und Hochverrats angeklagt und erwartet im Gefängnis Berlin-Tegel seinen "Prozess", sein Todesurteil, seine Hinrichtung. Seine Frau Freya pendelt zwischen dem Familiengut Kreisau in Schlesien, das sie in Abwesenheit ihres Mannes hütet, und Berlin, wo sie sich um dessen Verteidigung kümmert.
Die beiden schreiben sich fast täglich Briefe, die vom Gefängnispfarrer Harald Poelchau unter Lebensgefahr ins und aus dem Gefängnis geschmuggelt werden. Dieser Briefwechsel ist nahezu vollständig erhalten geblieben und von der im vergangenen Jahr verstorbenen Witwe zur Veröffentlichung nach ihrem Tode freigegeben worden.
"Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel" heißt nun das Buch, das die Briefe versammelt. Sie sind ein bewegendes Zeugnis aufrechter Haltung im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, sie zeugen zugleich von der Kraft, die beide aus dem im Leiden sich vertiefenden christlichen Glauben gewonnen haben. Und sie sind Briefe einer großen Liebe zwischen den ja noch jungen Eheleuten, einer Liebe, die keine Chance mehr auf Verwirklichung hatte.
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Wer die Briefe liest, wird von Trauer und zugleich von Bewunderung erfasst, wie sich die Eheleute gegenseitig Trost zusprechen konnten, den sicheren Tod des Begründers des "Kreisauer Kreises" über Monate vor Augen und zwei Söhne von damals sieben und drei Jahren im Kopf. Am 11. Dezember 1944 schreibt Freya an ihren Mann, den sie mit einem Kosenamen anspricht: "Mein Jäm, wieviel reicher lässt Du mich zurück, wenn Du sterben mußt… Wir hatten ein reiches, glückliches, harmonisches, gesegnetes, nie getrübtes gemeinsames Leben hinter uns und erkannten es voll Dankbarkeit und Glück, wir waren reich im Anblick der Vergangenheit, aber, mein geliebtes Herz, jetzt sind wir reich im Hinblick auf die Zukunft".
Der 1907 geborene Helmuth James Graf von Moltke entstammte einer Familie, die seit Generationen in preußischen Diensten stand. Prominentester Ahnherr war der Onkel seines Großvaters, der Generalfeldmarschall Helmuth Graf von Moltke, der Sieger der Schlachten von Königgrätz und Sedan. Sein gleichnamiger Neffe war später Generaladjutant des Kaisers. Die Prominenz der Familie schützte den Widerstandskämpfer nicht vor der Hinrichtung im Alter von 37 Jahren in Plötzensee. Aber immerhin wurde seine Familie nicht in Sippenhaft genommen wie die der Stauffenbergs.
Helmuth James von Moltke war Rechtsanwalt und hatte sich zu Beginn des Krieges dienstverpflichten lassen. Im Range eines Kriegsverwaltungsrats war er als Sachverständiger im Oberkommando der Wehrmacht tätig. Seine 1911 geborene Frau Freya – am kommenden Dienstag jährt sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal – entstammte der wohlhabenden Kölner Familie Deichmann. Auch sie hatte Jura studiert.
Als Helmuth im Januar 1944 verhaftet wurde, bestand vielleicht noch die Chance eines glimpflichen Ausgangs. Aber als Verbindungen zum Kreis der Widerstandskämpfer des 20. Juli zu den Vorwürfen gegen ihn hinzukamen, war sein Schicksal besiegelt. In der vier Monate dauernden Schlussphase der Inhaftierung war Helmuth unter verschärften Bedingungen eingesperrt. Er war in Handschellen gefesselt, die ihm nur zur Zeit der Mahlzeiten abgenommen wurden. Er nutzte diese Zeit, um seiner Frau zu schreiben.
Man kann sich einer solchen Korrespondenz im Angesicht der drohenden Hinrichtung nur mit der Scheu nähern, nicht indiskret zu sein. Diese Scheu wird dem Leser dann bei der Lektüre genommen, weil sich der Trost, den sich beide spendeten, auf wunderbare Weise auf den Leser überträgt. Das verstärkt noch die Ergriffenheit vor diesem zutiefst menschlichen Dokument, dessen politischer Hintergrund noch nachwirkte, als Freya nach dem Kriege nicht in der restaurativen Bundesrepublik bleiben wollte und mit ihren Kindern in die USA auswanderte.
Heute fördert ihre Freya-von-Moltke-Stiftung "Für das Neue Kreisau" eine europäische Jugendbegegnungsstätte in dem Gutshof, von dem aus sie zu Weihnachten 1944 ihrem inhaftierten Mann einen Heilig-Abend-Brief geschrieben hatte. Auf den Helmuth James am 28./29. Dezember antwortete: "Heute kam Dein herrlicher Brief über den 24ten. Das hat mich alles sehr beglückt, besonders natürlich die Beschreibung über die Söhnchen. Ich bin so froh, dass Du offenbar keine neuen Sorgen in Kreisau vorfandest. (…) Wie mag Weihnachten 45 werden? (…) Und trotzdem, mein Herz, muss ich jeden Augenblick freudig bereit sein zu sterben, dieses Gefühl, dafür bereit zu sein und sich ohne Widerstand gegen Gott darein zu schicken, wenn er es befiehlt, das muss ich mir erhalten."
– Helmuth James und Freya von Moltke: Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944 - Januar 1945. Herausgegeben von Helmuth Caspar und Ulrike von Moltke. C.H. Beck, München 2011. 608 Seiten, 29,95 Euro.
– Außerdem ist erschienen: Frauke Geyken: Freya von Moltke. Ein Jahrhundertleben 1911 - 2010. C.H. Beck, München 2011. 288 Seiten, 19,95 Euro.
Autor: Harald Loch


