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03. März 2010
Nah am Wasser gebaut
"Istanbul Kulturhauptstadt 2010": Eine Filmreihe im Kommunalen Kino Freiburg.
Keuchend und asthmakrank liegt der Großvater auf ihrem rechten Schenkel, auf dem linken ruht ihr kleinkrimineller und geprügelter Vater. Als Jüngste der drei Istanbul-Generationen sitzt die 14-jährige Hayat tröstend zwischen den fragwürdigen Vaterfiguren ihres Lebens und greift aus lauter Schock selbst zum Beatmungsgerät des Großvaters. "Hayat var" erzählt aber nicht die Geschichte einer Heranwachsenden – der Film fügt Momentaufnahmen eines jungen Lebens zu einem melancholischen Gemälde.
Wenn Hayat nicht gerade damit beschäftigt ist, ihren dahinsiechenden Großvater zu pflegen oder für ihn Raki und Zigaretten zu kaufen und dabei die sexuellen Übergriffe des Lebensmittelhändlers abzuwehren, blickt sie auf den schmalen Fluss, an dem ihr baufälliges Holzhaus steht, oder streift durch die staubig-steilen Gassen der Metropole. Wie im Film kaum gesprochen wird, so entgleiten auch Hayat bis auf ihr stockendes und summendes Atmen kaum Töne. Doch die braucht es nicht: Der bohrende ihrer großenAugen sagt alles – und sieht alles. Mit diesen braunen Augen führt uns Regisseur und Drehbuchautor Reha Erdem durch die Stadt am goldenen Horn. Wir begleiten Hayat durch trostlose Stadtteile am Fluss und über das düstere Wasser vorbei an der Blauen Moschee.
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Das Wasser verbindet die gegensätzlichen Lebenswelten Hayats – den häuslichen Stillstand und die rasende Impulsivität der Stadt. Ihr täglicher Weg mit dem Boot zwischen diesen Welten ist Symbol ihrer Entwicklung vom Kind zur Frau. "Hayat Var" lebt nicht von Handlung und Dialog, sondern von Bildern und Geräuschen. Mit wenigen Schnitten und langen Einstellungen zeigen die Bilder die Stadt in ihren malerischen wie auch in ihren tristen Seiten. Der ruhige Erzählrhythmus gibt den Schauspielern viel Raum für Mimik und Authentizität. Elit Iscan gelingt es als Hayat, den Zuschauer mitzunehmen in ihr Istanbul: eine Heranwachsende in einer männerdominierten Lebenswelt. Die schwermütige Arabeske-Musik, die Schiffshupen und nicht zuletzt Hayats beschwertes Atmen unterstreichen die Tragik der Protagonisten und ihrer sozialen Verhältnisse zwischen Kindheit, Krankheit und Kriminalität.
"Hayat Var" eröffnet im Kommunalen Kino Freiburg eine Kinoreihe Istanbul. Als Film des Monats März läuft "Pandora’s Box" von Yesim Ustaoglu (Buch und Regie): Die alzheimerkranke Nusret wird von ihren drei erwachsenen Kindern nach Istanbul geholt – und damit in die Fremde. Die 90-jährige französische Schauspielerin Tsilla Chelton erhielt beim Festival von San Sebastian für diese Rolle den Preis als beste Darstellerin.
Im vielfach preisgekrönten Film "Sonbahar" von Özcan Alper erscheint Istanbul als die Metropole für politische Auseinandersetzungen und die Studentenbewegung. Protagonist Yusuf kehrt nach zehnjähriger Haft in sein Heimatdorf nahe des Schwarzen Meers zurück und findet alles verändert vor. "Uzak" schließlich von Nuri Bilge Ceylan, 2003 in Cannes ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury, ist ein Klassiker in der türkischen Filmkultur. Yusuf, ein mittelloser Provinzler aus Anatolien, sucht sein Glück in Istanbul und stürzt das Leben seines Verwandten Mahmut in ein Chaos.
Geschichten von Heimat und Fremde, Einsamkeit und Liebe: Die vier türkischen Filme zeigen das Lebensgefühl im heutigen Istanbul abseits derTouristenschauplätze.
– "Hayat Var" (Regie: Reha Erdem) läuft ab heute im Kommunalen Kino Freiburg.
Autor: Friederike-Zoe Grasshoff
