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10. Februar 2012

"Occupy Versailles"

Benoît Jacquots Drama "Les Adieux à la Reine" eröffnet die Filmfestspiele von Berlin.

  1. Der Film über Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) eröffnete die 62. Berlinale. Foto: dpa

14. Juli 1789: Diese kurze (und einzige) Texteinblendung in Benoît Jacquots Drama "Les Adieux à la Reine" stellt gleich beim ersten Bild unmissverständlich fest, dass jetzt ein weltgeschichtlicher Umbruch verhandelt wird. Doch die junge Frau, die in der Eröffnungsszene frühmorgens in ihrer armseligen Kammer erwacht, hat keine Ahnung davon. Was Sidonie Laborde (Léa Seydoux) juckt, sind die entzündeten Mückenstiche auf ihrem Arm. Bis erste, wirre Gerüchte zu ihr dringen, dass an genau diesem Tag die Bastille gestürmt wurde, wird es noch dauern.

Und falls Sidonie, untertänige Dienerin und Vorleserin für Marie Antoinette (Diane Kruger), tatsächlich irgendwann begreifen sollte, dass jener Tag der Beginn der großen Französischen Revolution war, sind die Kinozuschauer jedenfalls nicht mehr dabei: Jacquots Film endet schon vier Tage später, am 17. Juli, mit einer überstürzten Flucht aus Versailles, per Kutsche. Dabei muss Sidonie das Kostüm der beim Volk allseits verhassten Adligen und Königin-Geliebten Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen) tragen, und deshalb sehen einige grobe Gesten vom Wegrand her sehr eindeutig aus: "Kopf ab!"

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Es ist ein starker Berlinale-Start, diesmal endlich wieder mit einem echten Wettbewerbsfilm statt lediglich mit Konsenskino außer Konkurrenz. Auf einem Festival, das sich selbst als "politischer denn je" versteht, wird dann natürlich schnell auch ein möglicher Tagesbezug dieses opulent ausgestatteten historischen Kostümfilms ins Spiel gebracht. Festspieldirektor Dieter Kosslick glaubt sich bei "Les Adieux à la Reine" an den arabischen Frühling und den Sturz Mubaraks erinnert. Andere finden den Slogan "Occupy Versailles" hübsch.

Wahr ist, dass dieser Film uns mit dramaturgischer Raffinesse mitten hinein zieht in eine Zeit rasend schnellen, gewaltsamen Wandels. Aber Benoît Jacquot erzählt davon so, wie das nur Kino mit großem Atem kann – und das braucht eben einigen Abstand, um eine Geschichte zu entfalten. Deshalb sind auf der Berlinale zwar verdienstvolle Dokumentationen etwa zu aktuellen aufrührerischen Handyfilmen der "Arabellion" möglich, aber noch lange nicht der große Wettbewerbsbeitrag zum Thema, den man vielleicht auch gerne gesehen hätte.

Jacquot adaptierte für seinen Film Chantal Thomas’ gleichnamigen Roman, der 2002 den Prix Femina gewann und in Frankreich zum Bestseller wurde. Die Autorin wiederum hatte sich bei ihren Recherchen stark auf Jacob-Nicolas Moreau gestützt, den zur Zeit der Revolution tätigen offiziellen Geschichtsschreiber von Versailles. Dieser alte Herr, der ein gewisses Verständnis für den Umsturz nicht verleugnen kann, ist jetzt auch im Film zu sehen und strahlt in der Verkörperung durch Michel Robin eine liebenswert närrische Weisheit aus. Man kann sich Buch wie Film leicht mit ihm statt mit der in tausend Widersprüche und Zweifel verstrickten Dienerin als Zentrum der Erzählung vorstellen. Aber dann wäre vielleicht genau das daraus geworden, was Thomas und Jacquot unbedingt vermeiden wollten: eine "Antiquität". In "Les Adieux" aber mögen zwar die ausladenden Kostüme vorgestrig rascheln, dennoch scheint alles ganz gegenwärtig – auch ohne zweifelhafte "Aktualisierung".

Mit Sidonies Augen sehen wir letzte Intrigen, die hemmungslos um sich greifende Raffgier der Dienerschaft, den rasanten Zusammenbruch eines Hofstaats. Und verstehen dabei sogar, warum eine Königin bei all dem unbeirrt an ihren Frivolitäten und großen Auftritten festhält: In Versailles ist eben immer "Roter Teppich", bis zuletzt. Wenn man dann die Stars dieses Films huldvoll winkend zur Berliner Gala-Eröffnung schreiten sieht, kann einen durchaus ein leichter Schwindel packen.

Autor: Jürgen Frey