Open-Air-Stimmung mit jeder Menge Paprika

Daniela Gschweng

Von Daniela Gschweng

Sa, 08. Dezember 2018

Lörrach

Shantel und Bucovina Club Orkestar bringen Burghof zum Tanzen.

Shantel-Konzerte sind in der Regel eine schweißtreibende Erfahrung. Seit 30 Jahren bringt der deutsche Musiker und Produzent rund um den Erdball das Publikum zum Tanzen und feiert dieses Jubiläum derzeit auf der "30-Jahre-Club-Guerilla-Tour". Mit dem Bucovina Club Orkestar brachte der Großmeister des Balkan Beats am Donnerstagabend einen Schwung Lebensfreude in den Burghof. Unter der breiten Krempe eines weißen Huts vermittelte er umgehend: Moderat ist woanders. Hier geht es um Party.

Das erste Lied war gerade zur Hälfte vorbei und die Hälfte des Publikums hüpfte. Nicht nur die weibliche oder jüngere, muss dazu gesagt werden. Beim dritten Lied, "Disko Partizani", einer Hymne für das junge, multikulturelle Publikum, sang der Großteil der Anwesenden mit. Beim vierten und fünften schwappte das Bier aus den Bechern, die nicht vorsorglich sicher abgestellt wurden.

Shantel, mit bürgerlichem Namen Stefan Hantel, ist einer, wenn nicht der Geburtshelfer des Balkan-Beats. Ihn in die Balkan-Ecke zu schieben und musikalisch dort zu belassen, wäre jedoch falsch. "Some say that I come from Russia, some think that I come from Afrika”, sang er in "Planet Paprika". Genauso hört sich seine Musik an. Osteuropa ist dabei nur die Unterlage, sozusagen der Teller, auf der der Disko Partizani eine musikalische Fusion Cuisine aus aller Welt auftischt. Auf den Tisch kommt alles, was die Füße zucken und die Hüften kreisen lässt. Polka, Rock’n’Roll, Bewährtes und neu Kombiniertes, das ständig um neue kulturelle Einflüsse erweitert wird. Und wie bei jedem guten Eintopf wird das Ergebnis mit der Zeit eher besser.

Shantels Karriere als Clubmusiker, DJ und Produzent begann in Frankfurt. Vor zwanzig Jahren begann er sich für seine Wurzeln zu interessieren, reiste in die Bukowina, einer Gegend zwischen der Ukraine und Rumänien, und setzte sich mit ost- und südosteuropäischer Musik auseinander. Er lebte in Paris, Frankfurt und Athen und tourte um die Welt. Das Ergebnis war Pop mit kosmopolitischem Einschlag, der in Tel Aviv genauso funktioniert wie in Mailand und ihn schnell bekannt machte. Das brachte dem 50-jährigen Musiker nicht nur Auftritte in Glastonbury und Montreux, sondern auch einige Preise ein.

Bei aller großen Gestik ruhig und kontrolliert

Bei seinem Auftritt im Burghof setzte Shantel größtenteils auf bekannte Stücke. Zwischendurch, etwa bei "Disco Boy" ging es auch mal ruhig zu, für ungefähr zwei Minuten. Kurz darauf sang das Publikum "Bella Ciao" bereits wieder aus vollem Halse mit. Das Bucovina Club Orkestar erwies sich nebenbei als gut geöltes Animationsteam. Richtig anstrengend wurde es kurzzeitig, als der Meister eine Frau aus dem Publikum zum Stage-Diving auf die Bühne holte. Ein Wagnis, denn der Saal war nur halb gefüllt und daher locker besetzt. Es klappte trotzdem, weil das Publikum vor der Bühne zusammenrückte. Unbeteiligt zuhören, so viel ist bei Shantel selbstverständlich, ist auch woanders. Dabei ist Shantel kein Musiker, der wie ein Derwisch auf der Bühne herumhüpft, er wirkt bei aller großen Gestik ruhig und kontrolliert. Einer, der weiß, was er tut und lange vorher darüber nachgedacht hat. Was das Publikum treibt, ist seine Musik und die Atmosphäre, die er damit herstellt: eine Art Open-Air-Stimmung für drinnen. Mit viel Paprika. Natürlich.