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10. Juni 2010
Theater
HipHop-Oper „Rap des Nibelungen“: Brünnhilde singt - Siegfried rappt
Eine "HipHop-Oper" frei nach Richard Wagner: Am Freiburger Theater hatte der "Rap des Nibelungen" Premiere.
Aus dem "Ring des Nibelungen" wird der "Rap des Nibelungen": Mit Opernsängern und Rappern, einem Jugendorchester und jungen Tänzern wird Richard Wagner am Freiburger Theater auf Tuchfühlung mit der HipHop-Kultur gebracht. Funktioniert das, fragen BZ-Popredakteur Thomas Steiner und BZ-Klassikredakteur Alexander Dick nach der Premiere.
WIE VIEL "RING" IST IN DIESEM "RAP"?T. S.: Hoffentlich haben die HipHop-Hörer einen Opernführer zu Hause. Nützlich ist es jedenfalls, sich als Wagners eher Unkundiger vor dem Besuch des "Rap des Nibelungen" mit dem "Ring des Nibelungen" vertraut zu machen. Sonst versteht man nur Bahnhof vom Bühnenspiel mit Göttern und Helden, das hier von 16 auf zweieinhalb Stunden eingedampft ist.
A. D.: Es ist ja nett gemeint, dass der Regisseur, Autor und Dramaturg Markus Kosuch und die Dramaturgin Sonja Doerbeck den Zuschauern das "Who is Who" in Wagners "Ring" auf einem Faltplan offerieren. Inklusive Beziehungsgeflecht – wer mit wem, wer gegen wen. Aber allein das zeigt, dass es sich hier um eine verdammt komplizierte Geschichte handelt. Und eine verdammt gute obendrein. Das indes kann man nur erahnen, denn so verkürzt und vereinfacht wie in dieser Version ist’s allenfalls ein Fantasy-Spektakel à la "Herr der Ringe". Dass die vier "Ring"-Abende nicht einmal chronologisch erzählt werden sondern in Rückblenden, macht’s eher problematischer. Also: Das Original ist durch nichts zu ersetzen. Auch wenn’s anstrengend sein kann.
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PASSEN WAGNER UND HIPHOP ZUSAMMEN?
A. D.: Erst einmal: Richard Wagner selbst hat die Künstler aufgefordert: "Kinder, schafft Neues!" Ob er sich so etwas hätte vorstellen können wie den rhythmisierten Sprechgesang beim Rap – na ja. Immerhin war seine Art Oper zu machen, ohne Arien und Verse, die sich reimen, vor 150 Jahren ultramodern. Die Stabreime lassen sich auch problemlos in Rap-Texte ummodeln, und Wagners ausgefeilte musikalische Motivsprache liefert mühelos die Basics für einen Rap. Aber, pardon, das macht die Musik unnötig klein. Und weshalb und wann nun vom Original in den Rap geswitcht wird, in digitale Klänge oder Teile aus historischen Aufnahmen – das erschließt sich nicht.
T. S.: Das kommt dabei heraus, wenn man eine Collage macht. Markus Kosuch klebt Ausschnitte zweier Welten aneinander. Manchmal gibt es Ansätze zur Synthese, wenn die Wagner’sche Musik quasi live gesampelt und mit den von Jörn Hedtke eingespielten Beats zu einem wuchtigen Soundtrack verschmolzen wird. Das ist dann für Hörer moderner Musik interessant. Aber wenn Brünnhilde klassisch singt und Siegfried rappt, wird die Unvereinbarkeit der Genres deutlich.
WIE SIND DIE STIMMEN?
A. D.: Es gibt Wagner-Fans, die die Musik lieben, nicht aber den Gesang. Tatsächlich muss man sich an die großen, schweren, kräftigen Sopran-, Tenor- und Bassstimmen erst gewöhnen – die es sonst mit viel größeren Orchestern zu tun haben als in dieser Produktion. Der"Rap des Nibelungen" ist da mit den lyrischen Opernstimmen ein Kompromiss – die klingen leichter. Zum Beispiel Julia Thornton: Ihre Brünnhilde berührt auf menschlicher Ebene und verfügt über einen angenehm obertonreichen Sopran. Oder Christoph Waltle: Der war schon ein guter Prinz Tamino in Mozarts "Zauberflöte" an der Freiburger Musikhochschule und singt den Zwerg Mime fast zu betörend schön. Schade ist es freilich, wenn man so wenig Text versteht wie bei Jin Seok Lee, dessen Götterchef Wotan zwar majestätisch klingt, aber eben kaum verständlich.
T. S.: Fast könnte man annehmen, die Brünnhilde sei mit Rücksicht auf den Siegfried ausgewählt: Eine dramatischere Sängerin hätte die Raps von Prinz Pi noch schwächer sich anhören lassen, als sie es so schon tun. So geschickt der Berliner in seinen Versen mit Wagners Sprache umgeht, so saftlos trägt er sie vor. Da ist nichts von einem Helden – wo doch Rappen oft darin besteht, sich zu einem solchen zu stilisieren. Prinz Pi hat es nie in die erste Reihe der deutschen Rapper geschafft, hier erfährt man warum. Die beiden anderen Profi-Rapper des Abends geben dagegen überzeugende Charaktere ab: Chefkoch als Hagen bedient sich schon mal derber Sprache und sagt über den Ring: "Wenn ich ihn hab’ / seid Ihr gefickt". In einer HipHop-Oper geht das. Joachim Deutschland ist auf dem Rollbrett sitzend ein nachdrücklich geiler Zwerg Alberich. Dass aus den Reihen der an der Produktion beteiligten Jugendlichen noch drei Rapper rekrutiert wurden, die ihre Sache richtig gut machen – vor allem Jan Schinzig als Gunther, Niklas Melcher und Ralph Christoph Merettig als die Riesen Fasolt und Fafner –, macht den Ausfall in der Hauptrolle noch ohrenfälliger.
IST DER ABEND SCHÖN ANZUSEHEN?
T. S.: Oper ist, wenn Leute steif auf der Bühne herumstehen und dramatisch singen. Das eh veralte Vorurteil gilt auch für den "Rap des Nibelungen" nicht. Dank der mehreren Dutzend jugendlicher Tänzerinnen und Tänzer aus der Regio, die dem Abend viel Dynamik und Energie mitgeben. Was sie mit dem Choreographen Raphael Hillebrand erarbeitet haben, macht den "Rap des Nibelungen" sehenswert: Da gibt es Ensembleszenen des weiblichen Teils der "Youth Crew" als Wagner’sche Walküren oder Rheintöchter, in denen wunderbar die Balance zwischen individueller Bewegung und gemeinsamer Wirkung gehalten wird, da gibt es ein bestrickendes Duett von Somphong Phommahavong als Siegmund und Milena von Pressentin (in der Premiere, Alternativbesetzung ist Joyce Bieser) als seine bräutliche Schwester Sieglinde, da gibt es beeindruckende Breakdance-Einlagen vom männlichen Teil der Youth Crew. Alles zusammen ist das eine fugenlose Verbindung von Bühnentanz und HipHop-Kultur, die den Szenenapplaus des Öfteren herausfordert – auch wenn man nicht zu den vielen Familienangehörigen und Freunden im begeisterten Premierenpublikum gehört.
A. D.: So könnte es auch in einer modernen "Ring"-Inszenierung zugehen. Birgit Holzwarths Bühne und Kostüme abstrahieren sinnfällig: ein mächtiges Stahlgerüst, das abwechselnd die Burg Walhall oder den Machtsitz der Giebichungen darstellt, rechts, links an der Bühnenrampe der sogenannte Walküren-Fels als Restricted Area. Dazu stimmungsvolles Licht und eine Bewegungsregie, die vor allem in den Ensembles überzeugt. Kompliment an die Youth Crew und die recht originellen Choreographien: Zum berühmten Walkürenritt indisch-orientalische Tanzbewegungen – darauf muss man erst mal kommen...
HAT SICH DAS PROJEKT GELOHNT?
T. S.: Man kann dem künstlerischen Crossover kritisch gegenüberstehen: Warum müssen Genres vermischt werden, die für sich bestens funktionieren? Effekthascherei? Seht her, wie grenzüberschreitend! Oder pure Pädagogik? Wir bringen den Jungen das Alte nahe! Dass HipHop-Hörer nach dem "Rap des Nibelungen" den "Ring des Nibelungen" am Theater stürmen – man darf es bezweifeln. Aber wer Rap und Breakdance schätzt, sollte sich den Abend nicht entgehen lassen, die Kombination mit Wagner ist zumindest mal etwas anderes.
A. D.: Ach, nun – manchmal ist einfach auch der Weg das Ziel. Dass gerade die jungen Beteiligten ihren Spaß hatten, merkte man schon nach der Premiere. Natürlich muss man Abstriche machen. Auch wenn Norbert Kleinschmidt mit dem Jugendorchester toll gearbeitet hat, klingt nicht alles nach "Rheingold" et cetera, was da aus dem Orchestergraben kommt. Aber dafür gibt’s ja den richtigen "Ring" mit Profis. Zum Beispiel hier am Theater in einer wirklich bemerkenswerten Produktion. Und wer die besucht und sich von Stoff und Musik richtig neugierig machen lässt, wird merken, wie viel es immer wieder Neues zu entdecken gibt im Weltendrama "Ring". Auch ohne Rap.
– Weitere Aufführungen: Heute, 26. Juni, 1., 13., 17. Juli.Tel. 01805/556656 *
Autor: bz


