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03. Februar 2012

„Kisses on the Bottom“

Paul McCartneys neue CD - Zurück in die Kinderjahre

„Kisses on the Bottom“: Paul McCartney hat mit Diana Krall ein Album mit Songs aus der Zeit vor dem Rock ’n’ Roll aufgenommen. BZ-Redakteur Thomas Steiner stellt das Werk vor.

  1. Nostalgischer 69-Jähriger: Paul McCartney Foto: Mary McCartney

Zu seinen frühesten Erinnerungen, so hat Paul McCartney es seinem Biographen Barry Miles erzählt, gehört diese: Er liegt als Kind zu Hause auf dem Fußboden und hört seinem Vater beim Klavierspielen zu. Jim McCartney hatte auch eine eigene Band: Jim Mac’s Jazz Band. Mit der spielte er in Tanzschuppen in Liverpool und Umgebung. "Mein Vater arbeitete einmal als Beleuchter im Liverpooler Hippodrome", berichtet Paul. "Er erlernte seine Musik, indem er zuhörte, zwei Shows pro Abend, sechs Tage die Woche, sonntags frei." Auch bei Familienfesten spielte Pauls Papa: Die Tanten und Onkel kamen ins McCartney’sche Reihenhaus in Liverpool, Jim setzte sich ans Piano, und es wurde gesungen. "Family sing-song" hieß so etwas.

Der Produzent und die Pianistin von Barbra Streisand

Paul McCartney, der in vier Monaten 70 Jahre alt wird, hat jetzt aus diesen Kindheitserinnerungen ein Album gemacht: "Kisses on the Bottom". Ein Dutzend Stücke aus den 30er, 40er und 50er Jahren hat er aufgenommen, einen erinnerungsseligen Ausflug unternommen in die Zeit, als es den Rock ’n’ Roll noch nicht gab, der ihn dann als Jugendlichen erwischte und zum Beatle machte. Was wohl sein Co-Beatle John Lennon zu diesen jazzig arrangierten Broadway-Melodien gesagt hätte? Irgendwas Ironisches vermutlich. Auch wenn er, wie McCartney behauptet, selbst solche Songs gemocht hat, als sie sich 1957 trafen.

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Paul McCartney hat für seine besten musikalischen Werke immer einen Partner gebraucht. Bei diesem Projekt sind es Tommy LiPuma und Diana Krall. Die Produzentenlegende und die Starpianistin, die vor drei Jahren schon zusammen das grandiose Jazzstandards-Album "Love is the Answer" von Barbra Streisand verantworteten, haben dem Sänger McCartney zu einem schönen Alterswerk verholfen. Dass es zwei Amerikaner sind, ist nur konsequent. Denn die Lieder, die die Briten in der Nachkriegszeit sangen, um sich von den Schrecken der deutschen Bombardements zu erholen, waren oft über den Atlantik herüber gekommene. Zusammen mit LiPuma und Krall hat McCartney eine Liste für sein Album zusammengestellt. So kamen auch Songs darauf, die McCartney nicht von den Familienfesten in der Ardwick Road kannte. Es sind weltbekannte Stücke wie Harold Arlens "It’s Only a Paper Moon" oder Irving Berlins "Always" und weniger bekannte wie "More I Cannot Wish You" aus einem Musical von Frank Loesser.

Ein Alterswerk darf man das Album auch nennen, weil McCartney mit einer Stimme singt, die nicht mehr die des Beatles, nicht mehr rund und geschmeidig und im Umfang kleiner geworden ist. Aber die charakteristische Färbung hat sie noch. So hat Produzent LiPuma sie zu Recht nicht hinter Streichern versteckt. Die gelegentlichen Orchesterarrangements malen nur elegante Hintergrundfarben. Auch Diana Krall und ihre Band spielen sich nicht in den Vordergrund, sondern geleiten ihren prominenten Gast swingend durch die Songs. Gleich im Eröffnungsstück "I’m Gonna Sit Right Down and Write Myself a Letter" steuert Krall ein angemessen schönes Solo bei, Gitarrist John Pizzarelli tut später dasselbe.

Ein weiterer Saitenkünstler ist als Stargast eingeladen: Eric Clapton. McCartneys Mit-Brite – und früherer Kumpel seines Mit-Beatles George Harrison – veredelt das bluesige "Get Yourself Another Fool" mit der E-Gitarre. Für ein anderes Stück packt er die Akustische aus: "My Valentine" ist ein McCartney-Original. Zwei Stücke nämlich hat der Meister persönlich für seine Erinnerungsplatte neu komponiert. "My Valentine", ein Song über Regentage und die Liebe, könnte ein Klassiker von damals sein. "Only Our Hearts", der zweite Versuch, wäre wohl eher unbekannt geblieben. Und dass Stevie Wonder darauf ein Mundharmonika-Solo spielt, wirkt, als habe sich da jemand in die Vergangenheit verirrt.

McCartneys nostalgische Zeitreise ist natürlich nichts für Leute, die von ihm immer noch eine neue Beatles-Platte erwarten. Aber wer weiß, vielleicht schreibt er ja nochmal ein paar gute Popsongs, vielleicht hat er ja bei den Sessions für "Kisses on the Bottom" Diana Kralls Ehemann wiedergetroffen: Mit Elvis Costello hat er bekanntlich 1989 "Flowers in the Dirt" eingespielt, sein letztes wirklich gutes Popalbum.
– Paul McCartney: Kisses on the Bottom (Concord/Universal)

Autor: Thomas Steiner