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17. April 2009 09:18 Uhr

Neue Alben

Pet Shop Boys und Depeche Mode – der Synthipop lebt

Der Synthipop lebt – das zeigen die neuen Alben "Sounds of the Universe" von Depeche Mode und "Yes" von den Pet Shop Boys. Früher galt diese Musik als gefühlsarm, ja seelenlos. Das hat sich geändert.

  1. Sie können auch lächeln, die Briten: die Pet Shop Boys Chris Lowe (l.) und Neil Tennant. Foto: Perou / Promo

  2. Grübelnde Briten: Andrew Fletcher, Dave Gahan und Martin Gore sind Depeche Mode. Foto: Anton Corbijn / Promo

Kalt sei diese Musik, frostig. Unmenschliche Maschinenkunst. Als der Synthesizer-Pop in England Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre aufkam, da wurde von vielen Musikkritikern nur noch polemisiert. Im Juni 1983 veröffentlichten Depeche Mode ihre Single "Everything Counts". Und in der Besprechung des britischen Magazins Sounds stand: "... ob die Mitglieder von Depeche Mode in Wirklichkeit tot sind oder lebendig, ist eine Frage, welche die Medizin seit Jahren beschäftigt." Während junge Fans die neue Musik liebten und Bands wie Soft Cell, Orchestral Manoeuvres In The Dark oder die Pet Shop Boys in obere Charts-Ränge brachten, reagierten jene empört, die an die alten Gitarrengötter der 60er glaubten.

Es war aber auch eine Revolution. Bei jeder Rockband sah die Besetzungsliste ungefähr so aus: XX – Vocals and Guitar, XY – Lead guitar, YY – Bass, YZ – Drums. Auf dem Album "Speak and Spell" von 1981 stand dagegen nur dies: synthetics and voice – Depeche Mode. Keine Gitarren mehr, kein verschwitzter Rock. Stattdessen Musik aus dem Klanglabor. Was die begüterten Düsseldorfer Avantgardisten von Kraftwerk vorgemacht hatten, machte in England eine ganze Generation mit den erschwinglicher gewordenen Synthesizern nach.

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Ein Vierteljahrhundert später sind Depeche Mode in Wirklichkeit immer noch lebendig. Heute erscheint ihr neues, zwölftes Album, "Sounds of the Universe". Und die andere große Band des Genres ist auch noch da: Die Pet Shop Boys haben kürzlich "Yes" herausgebracht, ihr auch schon zehntes Album. Und wunderbar kann man an den beiden CDs studieren, wie unrecht damals schon die Kritiker hatten. Eine Seele haben sie beide, Gefühle drücken sie aus.

Sehr unterschiedliche. Die Pet Shop Boys machen auf "Yes" das, was sie am besten können: optimistische Tanz-Hymnen. Sie feiern schon im ersten Lied "Love etc.", und im zweiten heißt es: "This is a song about boys and girls / You hear it playing all over the world" – die ganze Welt vereint im Liebeslied. Das ist mehr als ein Traum, in "More Than a Dream" geht es in Richtung Obama: "And I believe / we can change". Eine Utopie, vom Tanzboden aus formuliert.

Depeche Mode machen auf "Sounds of the Universe" auch, was sie am besten können: pessimistische Klagelieder. Gleich das erste Lied "In Chains" beschreibt, wie die Liebe einen in Ketten legen kann. Noch auf jedes Aufatmen folgt die Ernüchterung: Auf "Peace", ein Stück der Hoffnung, folgt "Come Back", das die Gegangene zurückholen will, auf "Perfect", einem Stück, das sich nach dem Paradies sehnt, folgt "Miles Away (The Truth Is)", das die Entfernung zur Erlösung ausmisst.

NEIL TENNANT SINGT ÜBER VERLETZTLICHKEIT – UND ES KLINGT NACH LIEBE

Der Gegensatz liegt natürlich nicht nur in den Songs. Die Sänger sind’s. Die helle, hohe Tenorstimme von Pet Shop Boy Neil Tennant ist für Freude wie geschaffen. Selbst wenn er über die Verletzlichkeit singt, in "Vulnerable", klingt es nach Liebe. Und die dunkle Baritonstimme von Depeche Modes Dave Gahan ist für die Trauer wie geschaffen. Selbst wenn er mit jemandem mitfühlt, in "In Sympathy", klingt es nach Sezieren. Das Timbre, die Phrasierung – ohne die Stimmen wäre die Musik nichts. Das gilt für Synthipop genauso wie für Gitarrenmusik.

Der sich beide Bands ja schon lange angenähert haben. Die Pet Shop Boys haben mit Hilfe des Produzententeams Xenomania auf ihrem Album unglaublich viele Schichten und Schnipsel programmierter Sounds über- und nebeneinander gesetzt. Ein ganz reiches Klangbild, so bunt wie der von Gerhard Richter inspirierte Farbfeld-Haken auf dem CD-Cover. Und mittendrin hört man auf einmal die akustische Gitarre von Johnny Marr (früher bei den Smiths). In "Beautiful People" etwa. Eine kleine Mundharmonika-Phrase darf er auch noch beisteuern.

Auch Martin Gore, der musikalische Kopf von Depeche Mode, hat aufeinander geschichtet. Klangflächen, Sequenzer-Rhythmen, kleine Melodien. Und immer wieder irritierende, fast geräuschartige Sounds, welche eine untergründig bedrohliche Stimmung erzeugen. Verzerrte E-Gitarren verstärken die Wirkung ungemein.

So klingen die Pet Shop Boys genauso wie Depeche Mode ganz nach sich selbst, der gereifte Synthipop klingt heutzutage echt. Ganz im Gegensatz übrigens – hübsche Ironie der Geschichte – zu manchen aktuellen Bands mit ihren digital am Computer nachbearbeiteten Gitarrenklängen, die sich oft so steril und seelenlos anhören.
CDs: Pet Shop Boys: Yes (Parlophone/EMI), Depeche Mode: Sound of the Universe (Mute/EMI). Konzert von Depeche Mode: Nancy, Amphitheater, 28. Juni, http://www.musicmachine.fr

Autor: Thomas Steiner