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02. August 2009 18:51 Uhr

Wagners "Ring" bei den Bayreuther Festspielen

Pilgerfahrt – Kneipp-Bad – Nervengift

Keine Frage, es gibt die Aura des Ortes. Und die Beobachtung: Richard Wagner wirkt langsam. Rund 16 Stunden dauert seine "Ring"-Tetralogie. Aspekte eines Bayreuther "Ring"-Besuchs jenseits von Bühne und Orchestergraben.

  1. Bayreuth: Hitze und heiliger Boden bei Wagner – da entledigt man sich auch mal des Schuhwerks. Foto: Adi

"Gottesdienst". Die Assoziation zu Bayreuth, unter anderem auch von Igor Strawinsky, dem kompositorischen Antitypus zu Richard Wagner formuliert, gibt es also immer noch, und der Journalistenkollege aus New York, an dessen Seite der Rezensent die vier "Ring"-Abende im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel verbringt, stellt die Frage danach schon in einer der ersten Pausen. Und ob die Figur des Siegfried nicht einen religiösen Aspekt habe wie Jesus Christus? Ein Vatergott schickt seinen Sohn (bei Wagner Enkelsohn) unter die Menschheit, um ihr eine andere Kategorie von Freiheit zu ermöglichen. Bei Wagner geht’s übrigens schief.

Gut 16 Stunden, je nach Tempo des Dirigenten, verbringt man mit einem Zyklus der Tetralogie, und nur Nichtkenner der Materie können sich wundern, dass es dazwischen zwei spielfreie Tage gibt. Die Regenerationsphase haben nicht nur die Künstler nötig. Ein erster "Götterdämmerungs"-Akt dauert allein gut zwei Stunden – bei Tankred Dorsts oft statischem Theater eine harte Probe. Das "Rheingold" als kürzeste Oper ist in etwa zweieinhalb Stunden absolviert – allerdings gibt’s da keine Pause. Der Rest ist erst einmal sitzen, sitzen auf minimal gepolsterten, engen Klappstühlen mit geringer Kniefreiheit, denn in dem einem Amphitheater ähnelnden Festspielhaus hat man bei der Bestuhlung schon zu Richard Wagners Zeiten ökonomisch gedacht: 2000 Menschen passen in eine Aufführung, die Chance, dass ein Platz um einen herum frei ist gleicht etwa einem Sechser beim Lotto. Mit Zusatzzahl.

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Deswegen entscheidet sich am von Wagner so genannten "Vorabend" mit "Rheingold" dein Glück. Die Leibesfülle der beiden Nachbarn kann erdrückend wirken, und ist der Vordermann einen Kopf größer als man selbst, kann es, trotz der gestaffelten Reihen, schlecht bestellt sein um die Sicht. So beginnt man einen "Ring" nicht in der Pole-Position, und das Schlimme ist: Wenn das Personal um einen herum nicht ausgetauscht wird, besteht keine Chance auf Platzverbesserung. Allerdings sind die Chancen dafür ganz gut, denn nicht selten teilen sich ganze Familien einen Bayreuther "Ring"; oftmals aktweise – in Ermangelung ausreichender Karten.

Deshalb sind die einstündigen Pausen auf dem Festspielhügel ein Gebot der Notwendigkeit. Auftanken, abschalten, regenerieren, an besonders heißen Tagen eventuell ins Kneipp-Bad unweit des Festspielhauses gehen, um den Kreislauf wieder in Fahrt zu bringen. Und natürlich sich über die Inszenierung austauschen. Denn, merke, im Gralsbezirk spricht man nicht über so banale Dinge wie Muttis Kochkünste oder die Probleme mit Kind und Kegel. Hier gilt’s der Interpretation.

In der ersten "Siegfried"-Pause kommt der Rezensent mit einer adretten jungen Dame im Teenager-Alter im rubinroten schulterfreien Abendkleid ins Gespräch. Es ist ihr erster Besuch im Festspielhaus, Papa nimmt seine Kinder reihum mit in diesen Ring. Wenngleich schon irgendwie beeindruckend, sei es vielleicht nicht so ihre Welt, äußert sie vorsichtig, und sie wisse auch noch nicht, ob sie wiederkommen wolle. (Wobei das Wollen in Bayreuth ja in der Regel vom Dürfen abhängig ist.) Der Rezensent schmunzelt und denkt an seinen eigenen ersten Pilgergang zum Hügel als Jugendlicher. Da hatte er ganz Ähnliches gedacht. Mittlerweile sind es allein über 40 "Ringe" geworden, die er in seinem Leben gesehen hat . . .

Pilgern? Auch danach fragt der Kollege aus New York. Ihm komme es so vor, als reagiere das Publikum hier besonders enthusiasmiert. Why? What do you think? Tja, woran liegt es? Sicher spielen die Freude und Begeisterung, endlich einmal die Weihestätte der Wagner-Pflege betreten zu dürfen, eine wichtige Rolle. Und vielleicht muss man einfach alles gut finden, wenn man bis zu zehn Jahre auf eine Bayreuth-Karte gewartet hat. Vielleicht ist es aber auch einfach die Aura des Ortes, seine unglaubliche, unbeschreibbare Akustik. Und die Qualität so mancher Leistung.

Zum Beispiel der des Festspielorchesters unter Christian Thielemann. Von Oper zu Oper führt der heimliche GMD des Grünen Hügels (inoffizieller Titel) die Musiker einem sich immer weiter steigernden, allzeit kontrollierten Rausch entgegen, als wolle er seinen aktuellen Querelen um die Münchner Zukunft entfliehen. Thielemann ist die treibende Kraft dieses ganzen "Ring"-Zyklus, und nicht selten macht die Musik die vielen Beliebigkeiten der Regie Tankred Dorsts vergessen. Ausnahme: "Siegfried". Hier eröffnen sich Ansätze zum Diskurs, wie in Akt I, wo Siegfried als eine Art Kaspar-Hauser-Brutalo gegen Kultur rebelliert. Dass die ausgerechnet der Nibelung Mime mit seinem naturwissenschaftlich eingerichteten Klassenzimmer repräsentieren soll ("Vieles lehrtest du, Mime"), nährt die alte faustische und sehr deutsche Frage nach dem Erkenntniswert der Wissenschaft. Und die nach dem gut oder böse.

"Did you like it?", fragt der amerikanische Kollege nach jedem Akt. Er ist kritisch, und ihm geht es zum Teil ähnlich wie Strawinsky, der Bayreuth als zu heilig empfand. Ob er wiederkommen wird? Er kann es nicht sagen. Denn eine gewisse Faszination dieser Pilgerfahrt kann auch er nicht leugnen. Wagner wirkt langsam, aber stetig. Mit seiner Musik verhalte es sich wie mit "anderen spezifischen Gehirngiften: Alkohol, Morphium, Absinth", schrieb der Wilhelminismus-Kritiker und Schriftsteller Oskar Panizza. Er verstarb nur wenige Meter entfernt vom Festspielhaus: im Bayreuther Nervenkrankenhaus.

Autor: Alexander Dick