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21. Dezember 2011 07:42 Uhr

Roman

Eine Freiburgerin erzählt von einer Demenzpatientin

Ein Zukunftsroman über Demenz? Aber ist die sogenannte Dementia senilis – vom Duden gnadenlos mit Altersschwachsinn übersetzt – denn nicht ein Problem der Gegenwart, eins der brennenden?

  1. Wer übernimmt die Pflege alter Menschen, wer die Kosten? Foto: dpa

Ja, das ist sie – und genau darum geht es in dem Roman "Erste Wahl" von Kathrin Pläcking. Die Freiburger Autorin hat ein kühnes Szenario entworfen, das die vieldiskutierte Frage weiterdenkt, was da auf uns zukommt, mit der Alterspyramide und der zwangsläufig steigenden Zahl von an Demenz Erkrankten, wer die Pflege übernehmen soll und wer die Kosten?

Im Jahr 2023 gibt es dafür – so Pläckings Fiktion – eine Lösung in Form eines neuen Rentengesetzes: Allen, die auf Krankenversicherung und jede staatliche Unterstützung verzichten, wird zum 75. Geburtstag eine großzügige Abfindung gewährt. Und wenn die aufgebraucht ist, gibt es freien Zugang zu einem Pulver mit garantiert tödlicher Wirkung. Für Jens ist das ein gutes Modell. Endlich wird er all die Schulden bezahlen können, die sich im Laufe seines schlingernden Leben angesammelt haben, dazu noch ein paar schöne Reisen machen und dann – basta! Jens ist 67.

Susanne, Jens Lieblingsschwester, hat ein paar Jahre mehr auf dem Buckel – und Alzheimer. Sie lebt zu Hause, wird dort von Laura betreut, die ihre Arbeit mit alten Menschen liebt. All das erfährt Jens peu à peu, nachdem er, erstmals nach Jahren, wieder in der Familie aufgetaucht ist, um gemeinsam mit seinen Geschwistern Franziska, Ruth und Markus Susannes 74. Geburtstag zu feiern. Für Jens ist die Sache klar: Susanne muss sich auszahlen lassen: 150 000 Euro! Doch Jens hat nicht mit dem Widerstand seiner Geschwister gerechnet, auch nicht mit einer wie Laura, die den Reichtum im vermeintlich kümmerlichen Leben ihrer verwirrten Patientinnen sieht – und nicht mit dem Wiederwachen seiner eigenen Liebe zu Susanne.

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Die Ausgangslage ist also explosiv, hier muss jeder für sich eine elementare Entscheidung treffen.
Anders als Arno Geiger, der im Porträt seines an Demenz erkrankten Vaters ("Der alte König im Exil") vor allem die Poesie und Weisheit hervorhebt, die dieser Krankheit innewohnen, lenkt Pläcking das Augenmerk stark auf konkrete, praktische Probleme. So ist ihre Susanne liebenswert, halsstarrig und bedürftig zugleich. Eine echte Herausforderung für ihre gesamte Umgebung, vor allem aber für Laura, die sie geduldig und liebevoll durch die Turbulenzen des Alltags lotst. Die Schilderung dieser täglichen Schlitterpartien ist reich an originellen Details und Dialogen. Hier profitiert die Autorin von ihren Erfahrungen als Pflegerin dementiell Erkrankter und beweist zudem ein feines Gespür für emotional komplexe Konstellationen sowie szenische und atmosphärische Details. Überzeugend ist auch die dramaturgische Gestaltung: Zielsicher werden neue Figuren – und damit ein veränderter Blick auf das Geschehen – eingeführt, Zeitraffer und einfühlsame Exkurse in Susannes Gedanken- und Gefühlswelt verleihen dem Text eine packende Dynamik.

Allerdings zieht dessen Stärke – die präzise Alltagsverbundenheit – auch eine Schwäche nach sich: Pläckings Figuren sind kaum verdichtet, bleiben letztlich Typen, die verschiedene Positionen gegenüber dem zentralen Konflikt verkörpern. Dennoch hinterlässt "Erste Wahl" einen starken Eindruck. Ähnlich wie der neue Film von Andreas Dresen "Halt auf freier Strecke" nähert sich das Buch einer der harten Erfahrungen des Lebens, nimmt ihr durch seine unerschrockene Genauigkeit etwas von ihrem Schrecken und zeigt, wie man ihr – mit Liebe – begegnen kann.
– Kathrin Pläcking: Erste Wahl. Ein Zukunftsroman. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2011. 184 Seiten, 16,90 Euro.

Autor: Gabriele Michel