Rhythm statt Radetzky

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Mi, 03. Januar 2018

Klassik

Das Philharmonische Orchester Freiburg entführte mit seinem Neujahrskonzert an den New Yorker Broadway.

Mitklatschen gehört bei Neujahrskonzerten zur festen Tradition. Das begeisterte Publikum im Freiburger Konzerthaus musste sein Rhythmusgefühl am Ende allerdings nicht beim obligatorischen Radetzkymarsch unter Beweis stellen, sondern das ganz der US-amerikanischen Musik gewidmete Konzert des Philharmonischen Orchesters Freiburg endete mit dem nochmals als Zugabe gespielten Gershwin-Hit "I Got Rhythm" aus dessen Musical "Girl Crazy". Dabei zog Tilman Collmer am Schlagzeug das Tempo an, was die begeisterten Zuhörer, die am Ende die Beteiligten mit stehenden Ovationen feierten, aber nicht aus der Bahn brachte.

Schon zu Beginn, als Enrique Ugarte im weißen Jackett auf die Bühne joggt und mit einem Satz auf das Dirigentenpult springt, ist der Energielevel hoch. Die Ouvertüre zu George Gershwins "Crazy For You" erklingt im Hochglanz-Sound mit geschmeidigen Streichern, brillantem Blech und warmen Holzbläsern. Auch bei den opulent orchestrierten Broadway-Hits von Gershwins Kollegen zeigen die Freiburger Philharmoniker die ganze Palette an Klangfarben – von gedämpften Trompeten über groovende Kontrabässe bis zum schön kitschigen Glockenspiel.

Dabei sorgt das im Orchester platzierte Jazztrio mit Benedikt Weigmann (Klavier), Jonathan Sell (Kontrabass) und Anthony Greminger (Schlagzeug) für Authentizität, entspannten Groove und immer wieder auch kammermusikalische Intimität. Cole Porters "Night And Day" changiert zwischen symphonischer Opulenz und gepflegtem Big-Band-Sound, "A String Of Pearls" von Jerry Gray mit den swingenden Synkopen im Thema lässt an Glenn Miller denken, "Runnin’ Wild" ist ein wilder Ritt mit einem Walking Bass und scharfem Blech. Zeit, die Gemüter mit Enrique Ugartes "Ume Eder Jazz", seiner Bearbeitung eines baskischen Weihnachtsliedes, ein wenig abzukühlen. Nico Hutters Improvisationen auf dem Sopransaxofon bringen die Nummer zum Schweben. Der baskische Dirigent schnallt sich dafür sein Akkordeon um und erinnert in seinem melodiösen Spiel an die Mundharmonikalegende Toots Thielemans. Auch als Arrangeur ist Ugarte eine Klasse für sich. "The Man I Love" lässt er mit einem Streichquartett beginnen, um dem Song mit dem einsetzenden Orchester nach und nach mehr Bodenhaftung zu geben. Und Jazzsängerin Brenda Boykin trägt mit ihrer dunklen, erdigen Stimme dazu bei, dass die Ballade so kraftvoll erklingt. Überhaupt macht Boykin aus den Gershwin-Songs spannende Geschichten, die vom Orchester atmosphärisch aufgeladen werden. Dabei wird kein Pathos gescheut wie in den Balladen "Somebody Loves Me" oder "Someone To Watch Over Me", die Brenda Boykin mit großem Vibrato und vollem Brustklang ausstattet. Der swingende Gershwin-Hit "Let’s Call The Whole Thing Off" hat Charme und Leichtigkeit. Mit "La Fiesta" von Chick Corea wird am Ende des Programms der Broadway verlassen. Anthony Greminger befeuert die Nummer am Schlagzeug mit immer neuen Schlagvariationen auf dem Trommelrahmen. Enrique Ugarte (Akkordeon) und Nico Hutter (Saxophon) spielen sich elegant die Bälle zu, ehe sich der Dirigent wieder dem Orchester zuwendet und das Tutti punktgenau in die Spur bringt. Überhaupt laufen die Übergänge wie geschmiert. Das Philharmonische Orchester hat die Präzision und Brillanz, die dieses Repertoire zum Blühen bringen. Mit so viel positiver Energie kann es weitergehen.

Enrique Ugarte und das Philharmonische Orchester werden am 22. Juli die ZMF-Gala in Freiburg bestreiten. Ehrengast ist Konstantin Wecker.