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Paolo Fresu tritt mit Mare Nostrum beim Jazzfestival Freiburg auf

Ulrich Steinmetzger

Von Ulrich Steinmetzger

Mi, 12. September 2018 um 19:25 Uhr

Rock & Pop

Paolo Fresu ist aktuell der wichtigste Jazztrompeter Italiens. Seine Heimat prägt sein Soloschaffen und das Trio Mare Nostrum, das beim Jazzfestival Freiburg spielt.

Kann passieren, dass man sich durch Italien treiben lässt und auf einem Plakat den Namen Paolo Fresu liest. Dann hat man Glück, falls man Karten bekommt. Der 1961 geborene Sarde ist als Trompeter und Flügelhornist in seiner Bedeutung für den italienischen Jazz Nachfolger des inzwischen 78-jährigen Enrico Rava. Auf mehr als 300 Einspielungen kann man den enorm fleißigen und präsenten Fresu hören. Gern wird er mit Miles Davis verglichen, weil auch er das elektronisch verstärkte Spiel mag und in seinem akustischen Zugriff bestechende Coolness ausbreiten kann. Doch mindestens genauso wichtig sind die Einflüsse des Kanadiers Kenny Wheeler, von dessen kompositorischer Originalität und innerer Ruhe er sich hörbar anregen lässt.

Fresu liebt das Understatement und wird von den Leuten gemocht, auch weil er stets mindestens eine Spur heimischer Folklore in sein Spiel einfließen lässt. Schon 2001 hatte er die sardische Volksmusik mit ihren speziellen Instrumenten und polyphonen Gesängen mit dem Jazz fusioniert und so einen italienischen Stil kreiert. Da war einer bei sich geblieben, hatte Mittelmeerklänge mit dem Jazz verbunden in sehr lyrischen Tonfolgen. Fresu öffnet ein Tor zur Welt. Live tut er das auch mit Worten, die ihm das Publikum in einer kleiner werdenden Welt abnimmt. Vor allem aber spricht er durch seine langen und plausiblen Melodielinien, ohne dabei ein Traditionszertrümmerer zu sein. Seidenweich und messerscharf kann sein Ton sein, sehr empfindsam sind seine geschmeidigen Lyrizismen, die er mit diversen Größen des Jazz wie Ralph Towner, Daniele di Bonaventura, Carla Bley, Pierre Favre oder Uri Caine immer wieder neu kalibriert hat.

Seit 2003 existiert sein Devil Quartet mit exzellenten italienischen Musikern: Schlagzeuger Stefano Bagnoli, Kontrabassist Paolino Dalla Porta und Gitarrist Bebo Ferra. Unlängst nutzte die wichtigste Jazzrock-Combo des Landes den Tag, wie es ihre CD "Carpe Diem" auf dem 2010 von Fresu gegründeten Label Tuk Music im Titel annonciert, und machte etwas komplett anderes. Ein rein akustisches Album, mild, traumverloren, balladesk und schwelgerisch, doch punktuell auch zupackend und losgehend. Eine dezidiert schöne Sommermusik hört man, kultiviert, exquisit und voller Noblesse. Besen und Bürsten beschmeicheln das Schlagzeug, eine raffinierte Akustikgitarre steuert die Klänge voller unvorhergesehener Finessen und muss nicht autoritär werden, der Bass ziseliert schöne Linien und über allem heben Fresus ausgewogene Gesänge auf Trompete und Flügelhorn ab. Manchmal ist das im Studio so gemischt, dass er auf beiden Instrumenten in den Dialog mit sich selbst tritt. Alles ist beseelt, ohne in Kitsch abzustürzen.

Paolo Fresus Musik ruht ausgewogen in sich selbst und schöpft von da ihre Kraft. Sie agitiert und eifert nicht. Sie ist ein wundervolles Beispiel dafür, dass die Trompete in den letzten beiden Jahrzehnten ihre Stellung als zentrales Jazzinstrument gefestigt hat. Mit und ohne Dämpfer entwickeln diese Gesänge eine betörende Verführungskraft, mal dunkel verhangen, mal spitz. Der Sound ist klar und präzise, die improvisatorischen Bögen sind weit gespannt und voller ineinandergreifender Details. Schön und immer schöner beginnt diese Musik zu schweben. Fresu kommt aus ohne Epigonentum. In Jahrzehnten hat er für sich scheinbar disparate Elemente originär verschmolzen zu seinem "Italian Style", der amerikanische Vorbilder nur noch unter anderem braucht, weil sich diese integre Emotionalität überträgt und weil diese souveräne Spontanität von bestechender Tiefenschärfe ist.

Das alles prädestiniert ihn für das Allstar-Trio Mare Nostrum, in dem Fresu mit dem französischen Akkordeonmeister Richard Galliano und dem schwedischen Pianisten Jan Lundgren eine Musik kreiert, die wunderbar gelassen die Herkünfte der Musiker zu einem europäischen Klangkosmos fusioniert. Mit diesem schlagzeug- und basslosen, sehr eng beieinander agierenden Ensemble kommt Paolo Fresu zum Jazzfestival nach Freiburg. Drei Ausnahmemusiker zelebrieren intim ausgewogene Klänge voller Poesie in einer Symbiose, die auf berückende Melodik und auf einen Klang setzt, der für einen milden europäischen Jazz der Gegenwart steht. Schönheit pur hört man, oft mit Ohrwurmqualität und immer auf einer improvisatorischen Höhe, wie sie nur solche Ausnahmekünstler erreichen können.

Paolo Fresu Devil Quartet: Carpe Diem (Tuk Music/edel Kultur). Konzert mit Mare Nostrum: Jazzfestival Freiburg, Freitag, 21. September, E-Werk, 20 Uhr.