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10. Juli 2012

Vor allem ein Stimmenfestival

Die ZMF-Gala 2012: Exemplarischer Crossover wider den "Irrsinn der Unterscheidung zwischen E- und U-Musik".

Es ist eines der Bilder, die in die Annalen des Zeltmusikfestivals eingehen werden. Fritz Rau wird im Rollstuhl auf die Bühne des Zirkuszeltes geschoben – und streckt dabei kämpferisch die Faust in die Höhe. Der 82-jährige Konzertveranstalter, der seit 50 Jahren die internationalen Rockgrößen nach Deutschland bringt und nun mit dem ZMF-Ehrenpreis ausgezeichnet wurde, lobt das Festival als "Oase der Vernunft und des Geschmacks" und wettert gegen den "Irrsinn der Unterscheidung zwischen E- und U-Musik". Der vierstündige, von ZMF-Gründer Alex Heisler und dem musikalischen Leiter Enrique Ugarte konzipierte, von Klaus Gülker moderierte Abend, der ganz im Zeichen des 30-jährigen Jubiläums stand und sechs ehemalige ZMF-Preisträger präsentierte, dürfte Rau gefallen haben. Denn er zeigte geradezu exemplarisch, wie gut Crossover funktionieren kann, wie selbstverständlich sich musikalische Welten begegnen können.

Das wandlungsfähige Philharmonische Orchester Freiburg macht sich auch in dem orientalischen Jazz hervorragend, den Murat Coskun für sein dreiköpfiges Ensemble Fisfüz komponiert und Enrique Ugarte für Orchester plastisch arrangiert hat. Wie bei einem klassischen Konzert lösen sich bei "Anta Omri" und "The Rattle Snake" Soli und Tutti immer wieder ab. Auch viel direkte Kommunikation entsteht zwischen den beiden Klangkörpern, wenn die Multiphonics der Bassklarinette (Annette Maye) vom Orchester zusätzlich dramatisiert werden oder die Philharmonische Schlagzeugsektion die filigranen Tambourinschläge von Murat Coskun aufnimmt. Das Orchester kann aber auch zur swingenden Big-Band werden wie bei Irving Berlins Jazzhit "Cheek to Cheek", den Brenda Boykin mit viel Temperament und großer Stimme präsentiert. Nur die Fassung von Astor Piazzollas "Oblivion" mit Enrique Ugarte am Akkordeon ist eine Spur zu schmalzig.

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Dass der Abend nach einem kurzen Klarinettenintro von ZMF-Legende Perry Robinson mit Dvoráks amputiertem Cellokonzert startet, ist ein wenig unglücklich. Nur den ersten der drei Sätze darf Daniel Müller-Schott interpretieren – und muss dabei gegen das vom Wind ausgelöste Klappern von Metallteilen anspielen. Es ist bewundernswert, wie konzentriert der ausgezeichnete Münchner Cellist dennoch zu Werke geht und welch Intensität er auch in den lyrischen Passagen erzielen kann. Die ZMF-Gala 2012 ist vor allem ein Stimmenfestival. Da präsentieren die "Schönen der Nacht" alias Leopold Kern, Wolfgang Herbert und Juliane Hollerbach, Trägerin des ZMF-Preises 2012, eine perfekt intonierte, hochdramatische Fassung von "Auf de schwäbsche Eisebahne". Da schafft das großartige Freiburger Beatboxduo "Acoustic Instinct" (Paul Brenning, Julian Knörzer) geniale Übergänge und heizt auch mal kurz mit einer mundgeblasenen Technonummer ein. Der Freiburger Jazzchor macht unter der Bertrand Grögers Leitung den afrikanischen Song "Wailers" mit kehligem, ganz direktem Sound zu einem vokalen Ereignis, das die Solistin Maggie Horrer mit einem Sahnehäubchen garniert.

Max Mutzke singt "Me and Mr. Jones" und "Marie" so kraftvoll, dass man gerne noch mehr von ihm hören würde. Aber auch keine von Cécile Vernys weit greifenden Melodielinien will man verpassen, wenn sie mit ihrem Quartett "The Bitter And The Sweet" oder mit Band und Orchester "Les Feuilles Mortes/Autumn Leaves" veredelt. Chic Coreas "Spain", auf den Punkt gebracht von Marcin Grochowina (Klavier) und Adam Taubitz (Violine), ist ein weiteres Highlight im hochkarätigen Programm, in dem nur der Brachialhumor von Michael Gaedt ("Die kleine Tierschau") deutlich abfällt. Ein letzter Höhepunkt: die Hannoveraner A-Cappella-Band "Maybebop", die den "Bibabutzemann" zum Bebopmann verjazzt und den "Kleinen grünen Kaktus" zur Horrornummer macht. Der Abend endet mit der Latinnummer "Fpaniff" über einen Lispler mit spanischer Zweitkarriere relativ albern. Musikalisch top.

Video-Interview mit Fritz Rau unter http://mehr.bz/rau-12

Autor: Georg Rudiger