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25. November 2010

"Romantik, Liebe und Enthusiasmus!"

Die wiedervereinigte Band Selig surft auch beim Auftritt im Freiburger Jazzhaus auf einer Welle der Sympathie.

  1. Selig im Jazzhaus Foto: Alexander Ochs

"Diese Band besteht aus Romantik, Liebe und Enthusiasmus!" Hat man schon mal so eine Bühnenansage gehört? So etwas von sich selbst Schwärmendes und so etwas Offenherziges gegenüber dem Publikum? Aber wie diese Band ja schon heißt: Selig. Eben das waren auch alle, die da waren, am Dienstagabend im ausverkauften Freiburger Jazzhaus. Die Hamburger auf der Bühne und die Südbadener davor.

Seit sich Selig nach zehn Jahren Pause wiedervereinigt haben, surfen sie auf einer Welle der Sympathie, wie es Sänger Jan Plewka im BZ-Interview vor einem Monat schön geschildert hat. In den 90er Jahren waren sie auf dem besten Wege gewesen, im Deutschrock-Genre ganz nach vorne zu kommen. Gleich ihr Debütalbum enthielt den Hit "Ohne Dich", ein Lied für die Liste ewig bester Liebeslieder. Das spielen sie auf ihrer jetzigen Tour natürlich auch, als letzte Zugabe natürlich.

Den Anfang machten sie dagegen mit dem Anfang ihres jüngsten Albums: mit dem Song "5000 Meilen über dem Meer". Schon dieses Stück und genauso die auch neuen "Lass sie reden" und "Wirklich gute Zeit" zeigen eine Band, deren Musik mehr als früher funky ist. Vor allem Schlagzeuger Stephan Eggert macht sie mit seinen Zwischenschlägen swingend. Eine Spur mehr Red Hot Chili Peppers als früher ist da drin.

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Aber nicht dass Gitarrist Christian Neander, der einzige noch wirklich Langhaarige der Band, seinen Sixties-Sound abgelegt hätte. Hendrix- und Led-Zep-Anleihen finden sich auch in aktuellen Stücken, die sie im Konzert spielen, vor allem in "Tausend Türen". "Ich dachte schon" von der 2009er CD "Und endlich unendlich" ist reiner Bluesrock, erdig gemacht von Keyboarder Malte Neumann und Bassist Leo Schmidthals. "Doppelgänger" bekommt ein langes Siebziger-Jahre-Space-Rock-Ende.

Selig waren schon immer eine Band, die offensichtliche Stilanleihen nicht scheut. Wie sie auch anderes nicht scheut, was manch andere Band uncool fände. Zum Beispiel Chöre. Die "Ohohs" werden auch zum Mitsingen freigegeben, wofür sich die Band extra zurückhält. Aber zu viel der Animation ist ihre Sache nicht, Selig sind auch eine Band, die die Balance zu wahren weiß.

Allen voran Frontmann Jan Plewka. Schreibt sonst jemand Zeilen wie den Refrain im Titelsong des neuen Selig-Albums? "Gäb’ es mehr als dieses Leben / ich würde ewig mit dir gehen / jeden Tag mir dir verwegen jeden Augenblick zu sehen /Gäb’ es mehr als dieses Leben, ich wär’ zutiefst dazu bereit dich bis zum Ende mitzunehmen / von Ewigkeit zu Ewigkeit." Da ist die Wunschwelt des Schlagers genauso drin wie die Skepsis des Indierock.

Und wie Plewka, der tänzelnde Sänger, das auf der Bühne vorträgt: mit äußerlicher Überzeugungskraft genauso wie mit innerlicher Leidenschaft. Immer wieder ruft er zwischendurch "Enthusiasmus!" von der Bühne, was als Aufforderung genauso verstanden werden kann wie als Selbstbeschreibung. Plewka freut sich an sich selbst und an den anderen. "Freiburg!" ruft er auch einmal – und fügt hinzu: "Was für ein schöner Name!".

Das alles funktioniert natürlich so gut, weil Selig den ganz großen Erfolg dann doch nicht haben. In einem kleinen Rahmen wie im Jazzhaus sind sich Band und Publikum nahe, so nahe, wie Plewka sich das sichtlich wünscht.

Mehr Fotos vom Konzert unter: http://www.badische-zeitung.de

Autor: Thomas Steiner