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03. August 2011

Schatten überm Ballsaal

Salzburg: Die Strauss-Oper "Frau ohne Schatten" mit Christian Thielemann und Christof Loy.

  1. Musiktheater in Salzburg: Färberin (Evelyn Herlitzius, links) und Amme (Michaela Schuster) Foto: dpa

Ein historischer Ort, ein seltsamer Ort. In den Wiener Sofiensälen in der Marxergasse wurde im 19. Jahrhundert im Winter gebadet, im Sommer tanzte man zur Musik von Johann Strauß, der dort auch einige seiner Werke uraufführte, später wurden dort die ersten Stummfilme gezeigt. Ein dunkler Ort. 1926 wurde dort die österreichische NSDAP gegründet, von 1938 an mussten sich dort Juden zur Deportation einfinden. Und doch ein wieder ein klangvoller Ort. In den 1950er Jahren nahm die Decca dort das modernste Tonstudio Europas in Betrieb und produzierte zahlreiche legendäre Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern.

Die legendäre Einspielung Karl Böhms von Richard Strauss’ "Frau ohne Schatten" von 1955 gehörte nicht dazu – sie wurde im Musikverein produziert. Und dennoch hat die Idee von Regisseur Christof Loy, jene Sofiensäle als Schauplatz für seine Salzburger Neuinszenierung dieser "letzten romantischen Oper", wie ihr Komponist sie in einem Brief an seinen Librettisten Hugo von Hofmannsthal bezeichnete, herzunehmen, etwas Faszinierendes. Ein auratischer Raum – ein auratisches Werk: Hier könnte es Berührungspunkte geben.

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Man kann sie finden, aber im Verborgenen, auf Metaebenen, subkutan und überaus sophistisch, wenn man überhaupt bereit ist, sich auf dieses Spiel einzulassen. Freilich, Hofmannsthals und Strauss’ mythisch-mystische Oper, eine Mischung aus Märchen und fernöstlicher Philosophie, eine psychologische Studie über Frau und Fruchtbarkeit, macht einem den Zugang selbst auf der vordergründigsten Erzählebene nicht einfach. Die Kaiserin – halb Mensch, halb Gottheit – kann das drohende Unheil der Versteinerung ihres Mannes, des Kaisers, nur abwenden, wenn es ihr gelingt, ihren Schatten – Symbol für weibliche Fruchtbarkeit – wieder zu finden. Der bevorstehende Prozess der Prüfungen und Läuterungen rückt die Oper in die Nähe von Mozarts "Zauberflöte" – in beiden Werken gibt es ein "hohes" und ein "niederes" Paar, deren Schicksal fatal miteinander verquickt wird. "Die Frau ohne Schatten" lässt sich indes aus heutiger Perspektive noch weniger als Märchen erzählen als Mozarts Opus summum – dem steht der extreme Spannungsraum ihrer scheinbar naiven, unfreiwillig komischen Sprache im Kontext zur Moderne entgegen.

Der Regisseur Christof Loy also wählt den Weg des völligen Ausweichens und verlegt das Geschehen im Großen Festspielhaus eben in jene, von Johannes Leiacker mit Liebe zum Detail nachgebauten Sofiensäle. Szenario ist eine Aufnahmesituation der Oper anno 1955 (Kostüme: Ursula Renzenbrink), mit Spannungen im Ensemble, vergleichbar denen in der Oper. Zentrale Figur bleibt die Kaiserin – oder deren Interpretin, eine junge Sängerin, die sich im Künstlerkosmos und auf dem unvermeidlichen Teppich an Beziehungsproblemen und Intrigen zu orientieren sucht.

Thielemanns Stern überstrahlt das gesamte Geschehen

Und die die Läuterung besteht, als Künstlerin und vor allem als Mensch reift, wie es der Regisseur formuliert, und schließlich sogar beim zur Weihnachtskantate der jungen österreichischen Republik in ihrem Gründungsjahr umgedeuteten Schlussjubel Anerkennung findet.

Was sich dazwischen ereignet, ist höchst subtil und mitunter surreal und untrennbar von der Geschichte des Raums – von Erscheinungen von Revuegirls bis hin zu Menschen in Erwartung des Holocausts. . . Trotzdem bleibt hier ein wenig der Eindruck, dass diese Deutungsebenen sich doch allzu sehr von der Struktur des Stücks lösen und dass in diesem Theater die theatralische Situation für eine im Grunde philologische aufgegeben wird.

Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker wird’s nicht stören. Denn in dem Maße, in dem auf der Bühne mehr referiert denn gespielt wird – wenn auch überaus klug, überstrahlt sein Stern das gesamte Geschehen. Vielleicht noch detailverliebter, mit noch mehr Gespür für die Brüche zwischen Moderne und Restauration in Strauss’ Partitur als bei ihrem wohl berühmtesten Exegeten, Karl Böhm, lässt Thielemann diese Musik, ihre bukolischen Schönheiten und ihre ohrenbetäubenden Grausamkeiten zelebrieren. Und kein Orchester ist dieser Partitur wahrscheinlich näher als die Philharmoniker; bei den so zahlreichen, in den Orchesterpart hinein gesponnenen Violinsoli spürt man, dass es hier um Schönheit geht, gebrochene Schönheit, wie sie von diesem Orchester so unvergleichlich reflektiert werden kann.

Anne Schwanewilms vertritt als Kaiserin genau diese Ästhetik – filigran, diffizil, glasklar in der Diktion, vielleicht ein wenig zu verhalten im Espressivo. Da weiß Michaela Schuster als Amme zu glänzen, ein Mezzosopran von glühendem, mephistophelischem Ausdruck. Wolfgang Koch und Evelyn Herlitzius geben ein kraftvolles, starkes Färberpaar, wobei Herlitzius’ lodernd-dramatischer Sopran in der Höhe manche Schrillheit nicht verbergen kann. Stephen Goulds Kaiser ist von solider, wenn auch nicht charismatischer tenoraler Gestalt. Festspielformat besitzen die kleineren Partien sowie die Chöre und Kinderchöre (Thomas Lang).

Von Festspielopulenz zeugt auch der Reichtum an Statisterie und Ausstattung. Fast 20 Jahre war das Werk, dessen Triumphzug von Salzburg aus begann, nicht mehr im Festspiel-Spielplan. Manche werden sagen – konzertant sei es nun zurückgekehrt. Obwohl das so nun wirklich nicht stimmt.
– Weitere Aufführungen am 4., 11., 14., 17. und 21. August.

Autor: Alexander Dick


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