Schlaglichter auf die Tiefe der Figuren

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mi, 12. Dezember 2018

Lörrach

Lörracher "Stimmen im Advent" mit Lula Pena und Peter Schröder.

Eine "Autobiografie ohne Fakten", eine "Geschichte ohne Leben" und Bekenntnisse eines Autors, der von sich selbst sagt, er habe nichts zu sagen: Eine Selbsteinschätzung wie diese könnte Franz Kafka eingefallen sein oder Fernando Pessoa, von dem sie tatsächlich stammt. Der 1888 in Lissabon geborene und 1935 auch dort gestorbene portugiesische Nationaldichter verschwand gleichzeitig wie kein anderer hinter zahllosen Heteronymen oder selbst schreibenden Figuren mit eigenen Identitäten und Stilen, in denen sich ihr wirklicher Autor gerade durch das Zerfallen in Viele treu blieb.

Marion Schmidt-Kumke, die wie immer für Realisation und Dramaturgie verantwortlich ist, wartet mit ihrer Textauswahl für den zweiten "Stimmen im Advent"-Abend jahreszeitbedingt unter anderem mit Alberto Caeiros "Der Hüter der Herden" auf, einer als Traum dargestellten Geschichte, in der Jesus Christus aus dem Himmel flieht, um der Dreifaltigkeit und der immer wiederkehrenden Kreuzigung zu entkommen. Zurück auf der Erde wird er zum ewigen Kind und zur Hoffnung für den Träumer Caeiro, der sich wünscht, durch Jesus dereinst selbst wieder zum Kind werden zu dürfen, irgendwann "das müde, menschliche Wesen" abzulegen und zu schlafen "bis der Tag kommt, den nur du kennst".

Ob die an einer Hand abzuzählenden Besucher, die die bis auf den letzten Platz besetzte Stadtkirche vorzeitig verließen, das als Blasphemie aufgefasst haben? Das wäre denkbar, auch wenn die Pessoa-Passage, noch einmal gelesen, sich eher ins Gegenteil wendet. Eine andere Pessoa-Figur, Bernardo Soares, gibt einen verblüffend aktuellen Schlüssel dazu: "Ich wurde zu einer Zeit geboren, in der die Mehrheit der jungen Leute den Glauben an Gott aus dem gleichen Grund verloren hatte, aus welchem ihre Vorfahren ihn hatten – ohne zu wissen warum."

Die Aufführung, die sich nach gewohntem Muster der Schauspieler und Sprecher Peter Schröder und die Musikerin Lula Pena teilten, wurde sobald die Gitarristin und Sängerin den Part übernahm, zu einem eindringlichen Abend der leisen Töne. Obgleich sehr rhythmusbetont zwischen Fado, Folk und Bossa Nova changierend gespielt und sparsam verstärkt, zwang die Musik die Besucher zu aufmerksamem Zuhören. Die Portugiesin mit der dunklen Stimme schien vollständig zu verschmelzen mit ihrem meditativen Gesang und perkussiven Spiel, dem sie mitunter stimmlich noch weitere Instrumente beimischte. Kein Wunder, dass Pena von sich selbst sagt, Instrument und Stimme bildeten für sie eine untrennbare Einheit.

Die Frau mit der geheimnisvollen Aura passt, und das nicht nur, weil sie wie der Autor aus Lissabon stammt, perfekt zu Fernando Pessoa. Dass dessen Familienname im Portugiesischen gleichzeitig Person, Maske und niemand bedeuten kann, macht den Dichter, der wie Franz Kafka zeit seines Lebens in einem ganz unkünstlerischen Beruf stand, ohne als Autor wahrgenommen zu werden, allein schon zur Verheißung. Lula Pena verstand es perfekt, kleine Schlaglichter auf die Tiefen seiner Figuren zu werfen.

Termine: Am Sonntag, 16. Dezember, 17.30 Uhr, sind in der evangelischen Stadtkirche Lörrach "Profeti della Quinta" mit Renaissance- und Barockmusik zu Gast. Doris Wolters liest dazu "Das Hohelied Salomos". Der Abschlussabend am 23. Dezember mit dem Vokaltrio White Raven und Christian Heller ist bereits ausverkauft.

Weitere Infos und Tickets bei http://www.bz-ticket.de und direkt unter http://mehr.bz/advent18