Schon jetzt eine Ikone

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Mo, 25. September 2017

Kunst

In Kapstadt hat das nicht unumstrittene Zeitz Museum for Contemporary Art Africa eröffnet.

Die feierliche Eröffnung bleibt dem anglikanischen Erzbischof Desmond Tutu überlassen. Der 85-jährige Friedensnobelpreisträger schlurft zum Podium, nimmt den Hörer eines imaginären Telefons ab und scherzt, er habe soeben einen Anruf von Nelson Mandela aus dem "oberen Stockwerk" erhalten. "Mandela sagt Ja", teilt Tutu dann mit – und Hunderte von Kunstliebhabern jubeln. Das neue Zeitz Museum of Contemporary Art Africa, kurz Mocaa genannt, hat damit den höchsten in Südafrika denkbaren Segen erhalten – auch wenn das erste Kunstmuseum Afrikas, das es mit weltweit renommierten Kulturtempeln aufnehmen will, alles andere als unumstritten ist.

Postmoderne Kathedrale

Davon ist am Wochenende allerdings wenig zu hören. Dafür ist von Superlativen wie "Afrikas Guggenheim" oder dem "achten Weltwunder" die Rede. Tatsächlich ist das Gebäude schon bei seiner Eröffnung zur Ikone geworden– ein fast 100 Jahre altes Getreidesilo, das im Zentrum des Kapstädter Hafens gelegen über ein halbes Jahrhundert lang das höchste Bauwerk des Kontinents war. Als Container den Transport des Weizens übernahmen, wurde das aus 42 Betonröhren bestehende Silo obsolet – ein Elefant, der entweder demoliert oder einer neuen, "höheren" Bedeutung zugeführt werden musste.

Thomas Heatherwick steht das Glück ins Gesicht geschrieben: Denn spätestens am Eröffnungstag zweifelt keiner mehr daran, dass der 47-jährige britische Architekt die Herausforderung der Bauträger der "Waterfront", dem Mekka der Kapstädter Tourismuswelt, auf geniale Weise löste. Aus dem sperrigen Funktionsbau sollte ein Denkmal werden – und Heatherwick war klar, dass der Bau nicht einfach abgerissen werden durfte. Doch fast vier Dutzend senkrecht stehender Röhren, die in ihrer Isoliertheit an die einst nach Rassen getrennte südafrikanische Gesellschaft erinnerten, in einen Raum mit symbolischer Kraft und – vor allem – mit einem Herzen zu verwandeln, stellte sich als ziemlich harter Brocken heraus.

Heatherwicks Geniestreich: Er höhlte den Kern des Röhrenwaldes mit eigens dafür entwickelten Diamantensägen aus – und zwar in der Form eines Getreidekorns, das er auf dem Boden des Silos gefunden und um ein Tausendfaches vergrößert hatte. Die ganz unterschiedlich an- und abgeschnittenen Röhren sorgen nun für ein 27 Meter hohes Atrium, das dem Innenraum einer postmodernen Kathedrale gleicht – mit einem vierröhrigen Ausblick zum Himmlischen und einem facettenreichen Fundament. Wem beim Eintritt in diesen imposanten Tempel der Kunst nicht der Atem stockt, der muss sich Fragen gefallen lassen.

Noch als Heatherwicks Vorstellungskraft mit der Macht der betonierten Röhren rang, stieß Jochen Zeitz auf das Projekt – ein Mannheimer Managertalent, das in den 1990ern den Sportartikelhersteller Puma aus der drohenden Versenkung rettete. Der mit 30 Jahren jüngste Chef eines Dax-Unternehmens hatte sich als junger Reisender seinen eigenen Worten zufolge "in Afrika verliebt": in die "Kreativität, die Lebensfreude und Naturverbundenheit" der Bewohner des Erdteils, in dem einst "die Wiege der Menschheit" stand. Zeitz legte sich im Lauf seines inzwischen 54 Jahre langen Lebens eine beachtliche Sammlung afrikanischer Kunstwerke zu, für die er eine Heimat suchte. Sie sollte nicht – wie bisher üblich – irgendwo an der Themse oder der Seine liegen. Afrikas Kunst musste endlich nach Hause kommen.

Die Begegnung der Kapstädter Bauherren, des britischen Architekten und des deutschen Mäzen wurde zur Keimzelle des ersten Museums für zeitgenössische afrikanische Kunst schlechthin. Neben dem Atrium ließ Heatherwick auf sechs Stockwerken 100 Ausstellungsräume entstehen, die bei der Eröffnung zu Dreivierteln mit Werken aus der Zeitz-Sammlung bestück sind, dazu kommen afrikanische Leihgaben. Darunter sind die in Menschenform gehärteten Tierhäute der swasiländischen Künstlerin Nandipha Mntambo, das bissige Abendmahlbild des Simbabwers Kudzanai Chiurai (auf dem sich die widerlichen Jünger eines weiblichen schwarzen Jesus gegenseitig in die Haare geraten) sowie die Seelen von 25 in England ertrunkenen Chinesen, die mit einer Videocollage des aus der Karibik stammende Isaac Julien zu ihrer Göttin Mazu nach Hause zurückgeführt werden.

Neuer Stoff für eine alte Debatte

Zumindest bislang ist Heatherwicks größte Furcht nicht wahrgeworden, dass viel zu wenige ihren Weg in den Kulturtempel finden würden. Vor dem Mocaa-Portal bildeten sich an den drei Eröffnungstagen zuweilen regelrechte Schlangen, was im nicht gerade kunstbesessenen Südafrika einer kleinen Sensation gleichkommt. Auch die Urteile der Besucher fielen begeistert aus: "Awesome", großartig, der am häufigsten vernommene Ausruf. Dennoch droht das achte Weltwunder, von dessen begehbarem Dach man den mächtigen Umriss des Tafelbergs, das Meer und die einstige Gefängnisinsel Robben Island sieht, nun zum Opfer des altbekannten und allgegenwärtigen Konflikts zu werden. Kritiker weisen zu Recht darauf hin, dass sämtliche Gründer und Manager des afrikanischen Museums inklusive des Chefkurators weißer Hautfarbe seien. Wieder eine jener neokolonialen Übungen, in denen Europäer den Afrikanern zeigen, welche ihrer Werke als Kunst zu betrachten seien, heißt es: Darauf eine Antwort zu finden, wird Mocaas nächste und wohl schwierigste Aufgabe sein.