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17. Juli 2010

Sechsmal lebenslang

Die ARD-Serie "Die großen Kriminalfälle" rollt den Fall des Frauenmörders Pommerenke auf.

  1. Sieht so ein Mörder aus? Heinrich Pommerenke in der Verhandlung vor dem Freiburger Landgericht Foto: ard

In Hornberg ist dann alles vorbei. In der Ortenau-Gemeinde wird Heinrich Pommerenke am 19. Juni 1959 verhaftet, nachdem er bei einem Schneider, der ihm einen Anzug machen sollte, seine Aktentasche hatte stehen lassen. Der Inhalt: blutbefleckte Kleidung und eine Kleinkaliberpistole. Trotzdem wird der 23-Jährige leugnen, Deutschlands meistgesuchter Frauenmörder zu sein. Erst als er mit den Beweisstücken konfrontiert wird, gesteht er – alles: vier Morde, sieben versuchte Morde, zwei vollendete und 27 versuchte Vergewaltigungen, Körperverletzungen, andere Delikte, die schon gar nicht mehr ins Gewicht fallen. Später wird er erklären, er habe die Tasche mit Absicht vergessen, um endlich verhaftet zu werden. Vielleicht war es ja so.

Heinrich Pommerenke war, fünfzehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die Nachkriegsbestie in Menschengestalt. Als er vom Landgericht Freiburg am 22. Oktober 1960 zu sechsmal lebenslanger Freiheitsstrafe und weiteren 140 Jahren Haft verurteilt wird, sind nicht wenige Menschen der Meinung, Pommerenke gehöre gehenkt. Er wird weggeschlossen, für immer. Als er im Alter von 71 Jahren 2008 stirbt, ist er mit 49 Jahren hinter Gittern der am längsten einsitzende Gefangene der Bundesrepublik. Aller Voraussicht nach wird er es auch bleiben.

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In der erfolgreichen ARD-Serie "Die großen Kriminalfälle", die seit zehn Jahren ausgestrahlt wird und inzwischen die achte Staffel erreicht hat, hat Tom Ockers für den sozusagen zuständigen SWR den Fall Pommerenke rekonstruiert; hat mit Zeitzeugen, ehemaligen Nachbarn, Mitschülern, Polizei- und Bahnbeamten und – vor allem – mit der Schwester des Frauenmörders gesprochen. Erhellendes zur Psyche des Täters können diese rechtschaffenen Menschen nicht beitragen. Außer dass der Junge ein Einzelgänger war, einen abwesenden Blick hatte und dem geliebten Großvater die Briefmarkensammlung stahl, ist nichts zu erfahren. Auch die beiden Gutachter verharren im Phänomenologischen: Dass schon der Zehnjährige Mädchen auflauerte, verbucht man als "early starter"; diese seien in ihrem obsessiven Tun wenig beeinflussbar. Eine Therapie hat man Heinrich Pommerenke genauso wenig zukommen lassen wie dem Kindermörder Jürgen Bartsch. Im Gefängnis ließ er einen Bart wuchern und las kein Buch außer der Bibel. Manchmal deckte er in seiner Zelle für zwei – für den Fall, dass Jesus zum Essen käme. Ein biblischer Film war es nach seinem eigenen Bekenntnis auch, der ihn zum Töten animierte: Unmittelbar nachdem Pommerenke in einem Karlsruher Kino Cecil DeMilles Monumentalepos "Die zehn Gebote" gesehen, ermordete er die erste Frau.

Sicher: Die Kindheit, wie die bis heute erschütterte Schwester berichtet, war kein Schutzraum. Von heute auf morgen verlässt die Mutter die Familie, zieht nach Zürich. Erst drei Jahre später nimmt sie ihre Kinder zu sich. Für die Schwester ist klar: Wäre die Mutter geblieben, wäre das alles nicht passiert. Heinrich Pommerenke, der zweimal sitzenbleibt, fasst im Leben nicht Fuß, sein einziges Bestreben richtet sich bald auf die Gewalt gegen wehrlose Frauen. Das letzte Opfer wirft er bei Ebringen aus dem fahrenden Zug, zieht die Notbremse, vergewaltigt die Schwerverletzte, tötet sie. Verbrechen von diesem Ausmaß sind eine Überforderung: nicht nur für die Polizei, deren Fahndungsmethoden bescheiden waren, sondern für die Gesellschaft. Da beruhigt man sich schnell mit der Entmenschlichung des Täters – so wie der Film das in Spielszenen angedeutete Unfassbare mit dräuender Musik unterlegt. Eine Geste der Hilflosigkeit.
– Sendetermin: ARD, 19. Juli, 21 Uhr.

Autor: Bettina Schulte