"Show war meine Rebellion"

Das Gespräch führte René Zipperlen

Von Das Gespräch führte René Zipperlen

So, 09. Dezember 2018

Kultur

Der Sonntag Martin Berger inszeniert in Basel die Musicalkomödie "Ein Käfig voller Narren".

Für seinen gewagten Verschnitt aus Gounods "Faust" und Elfriede Jelineks "FaustIn and out" war Regisseur Martin Berger 2018 für den "Faust" des Deutschen Bühnenvereins nominiert. Nach Basel kommt er jetzt mit dem Genre, in dem er sich zuerst einen Namen gemacht hat: Einem Musical. Warum der Klassiker "La cage aux folles" für ihn keine leichte Kost ist.

Der Sonntag: Herr Berger, das "Lexikon des Internationalen Films" nennt die Filmvorlage zu "La cage aux folles" eine "platte Trivialkomödie, deren Lacher fast ausschließlich auf Kosten der vorgeführten Klischeefiguren geht". Was steckt für Sie im Musical, das darüber hinausgeht?

Es besteht durchaus die Gefahr, dass man Schwule und Dragqueens auf der Bühne vorführt und sich der Zuschauer von den Konflikten distanzieren kann. Das wäre aber schade. Deswegen ist ganz entscheidend, mit diesen Klischees so umzugehen, dass sie nicht einfach für Lacher benutzt werden. Denn in diesem Stück stecken ganz ernste Fragen.
Der Sonntag: Welche Fragen möchten Sie damit stellen?

Zum einen fragt es, was Familie eigentlich ist und ausmacht: Da ist der schwule Clubbesitzer Georges und sein Lebensgefährte Albin, der dort als Dragqueen Zaza auftritt und ein Kind aus einer frühen Affäre großgezogen hat. Das war 1978 in der Mainstreamunterhaltung natürlich von größerer Sprengkraft. Es ist aber gerade auch ein Stück für unsere Zeit: Es erzählt auch von einer linksliberalen Blase, die sich plötzlich mit extrem konservativen Positionen auseinandersetzen muss, weil der Sohn die Tochter eines rechtsextremen Politikers heiraten will.
Der Sonntag: Klingt, als spitzten Sie die Figur des Brautvaters auf AfD-Positionen zu.

Da muss man nicht mehr viel zuspitzen, er führt ja die "Partei für Tradition, Werte und Moral". Aber gerade wir Theaterleute, und zu einem guten Teil unser Publikum, mussten durch den Erfolg der AfD erkennen, dass nicht alle unsere liberal-aufgeklärte Haltung teilen, für die zum Beispiel Homosexualität normal ist. Wir können die nicht einfach ignorieren und für doof erklären. Im Stück sitzen sie plötzlich mit am Tisch und wir müssen uns fragen, wie wir uns gemeinsam verständigen können.
Der Sonntag: Die Blase Theater stellt umgekehrt Rechtspopulisten gerne einmal aus. Wie vermeidet man das?

Entscheidend ist, eine Spielweise zu finden, um die Figuren ernst zu nehmen und nicht platt vorzuführen. Natürlich aber gibt es ein gewisses Gefälle, weil die Protagonisten liberal sind und damit näher an mir selbst. Aber nehmen Sie den Vater der Braut: Gerade ist sein Parteivorsitzender in den Armen einer schwarzen Prostituierten – bei uns eines afghanischen Strichers – gestorben. Das ist total bigott und er verteidigt nun als einziger ehrlich die Tugenden und Werte der Partei, während er von Journalisten gehetzt wird. Ich halte diese Werte für falsch, sein Problem kann ich aber verstehen. Umgekehrt ist es brutal, wenn der Sohn verlangt, dass der Partner seines Vaters nicht erscheint. Aber er hat jahrelang akzeptiert, wie sein Vater lebt. Nun möchte er, dass seine Bedürfnisse auch einmal respektiert werden. Das sind universelle Konflikte, die auf sehr leichte Weise erzählt werden.
Der Sonntag: Reizt Sie das am Genre Musical allgemein?

Mir gefällt, dass die Show für und nicht gegen die Leute gemacht ist. Die Musik hilft dabei, sie im Idealfall ein Stück weit zu verführen: sich Fragen zu stellen und sich auseinanderzusetzen. Dafür muss man aber mit großer Ernsthaftigkeit an die Dinge herangehen.
Der Sonntag: Sie lieben die Reibung: Oper mit Mitteln des Musicals zu inszenieren – und umgekehrt.

Ich mag die gegenseitige Befruchtung der verschiedenen Sphären. Auch wir bedienen den Glitzer und Glamour des Stücks, aber das Theater Basel betont auch Ernsthaftigkeit durch die Besetzung, bis in die Nebenrollen: Roland Koch kommt vom Burgtheater und robbt – salopp gesagt – normalerweise sechs Stunden lang am Abend durch Schnee und Blut, jetzt spielt er mit der gleichen Leidenschaft ein Musical. Wenn man dann auch noch selbst für Kurzauftritte Schauspielerinnen wie Myriam Schröder bekommen kann, entsteht gleich eine große darstellerische Tiefe. Zugleich fordert das Genre alle heraus: Man kann Charaktere nicht langsam entwickeln, weil im Musical alles Schlag auf Schlag geht. Ich mag solche Reibungen.
Der Sonntag: Auch an der dauerfröhlichen Musik?

Natürlich. Der Song "Mascara" zeigt, wie das möglich ist. Zaza schminkt sich und weiß, dass sie nun fröhlich sein soll – und sie will es auch sein, obwohl sie so verzweifelt ist. Die Musik schiebt sie ständig an, aber sie kämpft mit sich. Das ist sehr spannend.
Der Sonntag: Am Theater sind die Musicalleute manchmal die, die das Haus ordentlich füllen sollen. Sie selbst sagen, "Musical war mein Punk." Taugt das Genre zur Rebellion?

Ich komme aus einem sehr intellektuellen Akademikerhaushalt. Mein Vater ist Professor für Byzantinistik, meine Mutter Gräzistin, meine Großväter sind Indologen und Mineralogen. Der Spaß an Oberfläche, Show und Effekt war meine Rebellion: Ich mache jetzt Quatsch. Später bin ich damit quasi auf die Füße gefallen. Ich verschneide aber auch Gounods "Faust" mit Elfriede Jelinek. Vom Musical habe ich für das deutsche Theater gelernt, sich nicht dauernd so schrecklich ernst zu nehmen und viele Dinge mit Humor zu betrachten. Das ist ganz wichtig.
Der Sonntag: Peter Konwitschny hat über die Operette einmal gesagt, sie sei nicht die einfältigere, sondern die überlegene Schwester der Oper. Auch weil man so aus dem Vollen schöpfen kann. Das liest man in jeder Rezension über Sie: "Er ging aufs Ganze."

Ich mag es, viele Möglichkeiten und Mittel zu haben. Aber nicht um des reinen Effekts willen. Das Musical bietet in seiner Kombination aus Tanz, Schauspiel, Musik und Effekten besonders viele. Und es wagt sich wie auch die Operette ganz direkt an die Menschen heran. Man muss aber die richtigen Entscheidungen treffen: Was nimmt man ernst, was nimmt man mit Augenzwinkern? Da treffen viele Leute die falschen Entscheidungen. Ganz wichtig ist: Man darf die Figuren nie verraten.
Der Sonntag: Wie schwierig ist es, dass bei Musicals scharfe Copyrightanwälte jeden Satz und Tanzschritt überwachen? Dani Levys "Dreigroschenoper" hat hier darunter sehr gelitten.

Darüber spreche ich nicht ohne meinen Anwalt (lacht). Da prallen natürlich zwei völlig konträre Theatersysteme aufeinander. Aber diese Stücke waren so enorm erfolgreich, dass man verstehen sollte, wenn Leute zweifeln, dass ein kleiner Regisseur aus Deutschland klüger sein will als sie selbst. Es gibt aber, scheint mir, einen Trend dazu, mehr zu ermöglichen und besser miteinander zu arbeiten.

Das Gespräch führte René Zipperlen
Ein Käfig voller Narren Theater Basel, 14. Dezember 2018 bis 29. Mai 2019. Alle Termine unter http://www.theater-basel.ch