Sich üben im Lieben

Johannes Adam

Von Johannes Adam

Sa, 03. Juni 2017

Klassik

Carolyn Sampson (Sopran) und das FBO mit Bach auf CD.

Lebendiger, farbiger, berührender geht’s nicht. Und das bei einem Spektrum, welches von der Zerknirschung ("Mein Herze schwimmt im Blut" BWV 199) bis hin zur launigen Hochzeitskantate ("Weichet nur, betrübte Schatten" BWV 202) reicht. Die Sopranistin Carolyn Sampson und das Freiburger Barockorchester (FBO) interpretieren Sopran-Kantaten Johann Sebastian Bachs auf CD. Wie feinfühlig und lustvoll da musiziert wird! Beispiel: die Arie "Sich üben im Lieben" aus der Hochzeitskantate. Ausgesprochen tänzerisch gibt sich jener Satz im Dreiachteltakt. Der Hörer wird gleichsam direkt einbezogen. Und das mit "Gavotte" überschriebene Finale macht seinem Namen alle Ehre. Wo in der Eröffnungsarie das Adagio ins Andante hinübergleitet: Auch dies wird ausgekostet. Ungemein expressiv klingt die Musik mit dem bei BWV 202 auffallend sonor realisierten Bassfundament.

An zwei Aktivposten dieser CD kann man seine besondere Freude haben. Carolyn Sampsons Sopran hat ja die keineswegs alltägliche Tugend, wie ein Stern zu leuchten: in der Höhe, die nie angestrengt wirkt. Eine sehr natürliche, zu Bach bestens passende Stimme, die in der lyrischen Mitte ihre Basis hat. Wo sich bei der Kantate "Tritt auf die Glaubensbahn" BWV 152 der Mono- zum Dialog weitet, erweist sich Andreas Wolf als materialreicher Bassbariton. Geradezu geadelt werden die Wiedergaben durch Katharina Arfkens Oboenkunst. Wunderbar sind dabei die ariosen Vokallinien von den noblen instrumentalen Zutaten umrankt. Mehr noch: Vokales und Instrumentales werden tatsächlich zur Symbiose.

Das von Petra Müllejans geleitete Freiburger Barockorchester mit seinem unverkennbaren Streicherprofil begleitet bis in den letzten Winkel sehr engagiert, kompetent und werkdienlich. Auch wo Bach wie bei der Arie "Tief gebückt und voller Reue" in BWV 199 mal beinah wie Händel klingt. Man erlebt den jungen Komponisten, der experimentiert, am eigenen Stil und Klang feilt. Der Biograph Philipp Spitta jedenfalls charakterisierte die Weimarer Zeit Bachs als die Jahre der ersten Meisterschaft. Genau diesen Rang dokumentieren Carolyn Sampson und das FBO exemplarisch.

Johann Sebastian Bach: Cantatas for soprano. Carolyn Sampson (Sopran). Freiburger Barockorchester. Leitung: Petra Müllejans. HMM 902252.