Sie sind ich, sie sind du, du bist wir

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Sa, 03. Juni 2017

Theater

Die südafrikanische Unmute Dance Company eröffnete das Basler Wildwuchsfestival.

Bedrückende Finsternis liegt über der mit Sägespänen bestreuten Bühne. Schauerlich verkrümmte Figuren hängen in der Luft oder liegen am Boden. Vom Vesuv-Ausbruch überraschte und in Vulkanasche erstarrte menschliche Körper aus dem antiken Pompeji haben der südafrikanischen Unmute Dance Company als Inspiration gedient. Mit ihrem Stück "Ashed" begann am Donnerstag das achte Basler Wildwuchs Festival, das unter dem Motto "Wir sind viele" antritt. Das Festival, das sich seit seiner Gründung 2001 für integrative Bühnenarbeit für Menschen mit und ohne Behinderung einsetzt und sich inzwischen im Sinn kultureller Diversität jeder Art von Außenseitertum und Nonkonformismus geöffnet hat, gibt sich seit jeher gerne kantenreich.

Das Projekt Unmute, was so viel wie "unstumm" heißt, passt gut in dieses Konzept. Zu "Ashed" passte auch die extrem stickige Atmosphäre in der Reithalle der Kaserne zum Festivalauftakt perfekt. Das Stück will nach eigenem Bekunden die Grenzen zwischen leblosen und lebendigen Körpern ausloten und die Begegnung mit den aus Maschendraht und Pappmaché geformten lebensgroßen Puppen als Metapher verstanden wissen.

Der Truppe und Choreograf Themba Mbulis geht es in der gebückt bewegten Erzählung, in der zunächst offen bleibt, wer Puppe ist, wer Mensch, um die aktuelle Situation in Südafrika ebenso wie um die Geschichte des Landes, in dem 1652 der Holländer Jan van Riebeek einen Stützpunkt für Handelsschiffe auf dem Weg nach Indien eingerichtet hatte. Sklavenhandel und koloniale Ausbeutung hatten auf dem rohstoffreichen Kontinent bereits eingesetzt. Im Süden wechseln Holländer und Briten einander ab, im 19. Jahrhundert wüten die Burenkriege, im 20. Jahrhundert folgt die Apartheid. Die ersten freien Wahlen, aus denen Nelson Mandela als erster schwarzer Staatspräsident hervorgeht, gab es 1994. Was wurde seitdem erreicht? Hat das Land, auf dessen Staatsgebiet immerhin das Kap der guten Hoffnung liegt, Unterdrückung und Gewalt wirklich überwunden?

Andile Vellem ist der Erste auf der Bühne, der diese Lasten der Vergangenheit zu spüren bekommt. Der gehörlose Tänzer, Choreograph und "Unmute"-Mitbegründer lässt sich von Babalwa Makwethu quer über die Bühne treiben. Die Sängerin und Schauspielerin, die eine harte Mutter Afrika spielt, die ihren Kindern nichts schenkt, scheucht, in ein dunkelbraunes Fetzenkleid gehüllt, den stürzenden und sich immer wieder aufbäumenden Vellem vor sich her. Sie ist die einzige, deren Gesicht den ganzen beklemmenden Abend über sichtbar bleibt. Alle übrigen Beteiligten stecken in ihrerseits erdbraunen Outfits und tragen entstellende Masken, die sie in die Nähe der Puppen rücken. Über ihren Köpfen sind undefinierbare Bocken aufgehängt. Symbolisieren sie Kohle, Gold oder weitere für das Volk unerreichbare Bodenschätze?

Mit schneidender Stimme singt Makwethu von Trauer, Hass und Zorn auf die, die Gewalt über das Land gebracht haben und noch nicht vertrieben sind: "Ich sehe, wie sie kommen, ich sehe, wie sie töten." Die Tänzer fallen von Schüssen getroffen, richten sich aneinander auf, um wieder gegeneinander zu kämpfen. Wer schwach ist, hat keine Chance. Nadine Mckenzie ist mit ihrem Rollstuhl mitten im Geschehen. Yaseen Manuel, der zweite Mann auf der Bühne, und Andile Vellem wirbeln sie herum, greifen sie an, gehen über sie hinweg, wie über ein Hindernis. Das Bild, das folgt, könnte leicht platt wirken, erschiene der Kampf nicht so echt. Die Rollstuhlfahrerin lernt sich zu wehren. Die Sängerin fragt, wer Angreifer, wer Opfer ist: "Aber wer sind sie?" Die Antwort ist klar: "Sie sind ich, sie sind du, du bist wir ..."

Wildwuchs: Das Festival läuft bis Sonntag, 11. Juni, in der Kaserne Basel, im Stadtraum, den universitären psychiatrischen Kliniken Basel sowie im Theater Roxy in Birsfelden Programm: http://www.wildwuchs.ch