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19. März 2012

Stille Hymnen aus dem Hochland

Das Dino Saluzzi Trio mit seinen neuen Programmen im Basler Stadtcasino.

  1. Dino und Felix Saluzzi (Mitte) mit Anja Lechner Foto: Bernhard Ley

Kaum ein Instrument ist auf ein Genre so festgelegt wie das Bandoneon, und kaum ein Interpret hat es vom Tango so abstrahiert wie Dino Saluzzi. Der Argentinier ist in Basel kein Unbekannter, erst vor zwei Jahren verbündete er sich mit dem Lokalpatron George Gruntz auf der Bühne des Schauspielhauses. Nun kehrte er mit seinem Klarinette und Saxophon spielenden Bruder Felix und der Cellistin Anja Lechner zurück, um im Trio seine neuen Programme "Navidad De Los Andes" und "Ojos Negros" zu präsentieren, die aus der Stille und Innenschau eine elementare Kraft beziehen. Es ist eine intime Kammermusik, die das Andenhochland und den Rio de la Plata zusammenklammert, in dieser sehr konzentrierten Besetzung ganz Argentinien porträtiert.

Als bedächtiges Reflektieren über ein folklorisches Thema beginnt Dino Saluzzi den Abend im ausverkauften Festsaal des Stadtcasinos. Aus tiefen Lagen antwortet das Cello, klettert aus einem Bordun heraus, und das Saxophon liefert ein überraschend bauchiges, warmes Timbre, denkbar weit weg von der üblichen Jazzkonotation. Ein wiegender Gesang mit weitem, langsam wiederkehrendem Atemzyklus ist das, ein Kreisen, das in seinem Charakter der endlosen Melodie aus dem Largo von Dvoráks "Neuer Welt" verwandt ist. Die Klangfarben sind gedeckt und zugleich transparent, als ob über dem Pastell von Cello und Sax die leuchtenden und zuweilen gezackten Sonnenstrahlen des Bandoneons durchbrechen. Nichts Hemdsärmeliges, kein unnötiges Muskelspiel markiert diese Musik: Lechner zeichnet selbst in den Doppelgriffen mit federleichtem Strich und Obertonreichtum, genauso hört man kaum einen Ansatz bei den Blasinstrumenten, die mit schönen Glissandi eine Sehnsucht heraufbeschwören.

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Trotzdem hat das Trio etwas sehr Physisches, und das kommt vom Hauptakteur in der Mitte, bei dem Klappern im wahrsten Sinne zum Handwerk gehört. Die Mechanik des Balgs übertönt zuweilen das gewisperte Wehen der Melodien, als würde ein an Lebenserfahrung reicher Geschichtenerzähler mit schnarrender Stimme sich an vergangene Abenteuer erinnern. Dino Saluzzi ist ein Meister darin, das, was nicht erklingt, im Kopf des Zuhörers zu imaginieren, verbreitet aber auch in weit ausgeschwungenen Linien souveräne Virtuosität: Dann öffnet sich sein Bandoneon ganz weit wie ein überfließendes Herz und er kann nicht anders als mitzuseufzen. In vielen dieser Stücke wohnt tatsächlich die Harmonik der Andenmusik, doch in der filigranen, manchmal fast sakral getönten, hymnischen Stimmung wird jegliches bukolische Panflötenklischee transzendiert.

Und der Tango? Er schleicht sich fast unmerklich hinein, in einem sanft abgetasteten Habanerarhythmus, gänzlich befreit von der Sphäre des Animalischen, des Aggressiven. Und wird dann von der gegenüberliegenden Seite des Plata skizziert: In einem uruguayischen Candombé, auch er losgelöst von der konkreten Rhythmik der Afrotrommeln. Saluzzi gibt dem Publikum eine informelle Unterrichtsstunde über den Reichtum des argentinischen Tangos jenseits der Fließbandorchester und ihren monotonen Sounds, mit grandiosen Komponisten wie Vicente Gréco und Enrique Delfino. Beiden huldigt das Trio: In Grécos "Ojos Negros" skizzieren Lechner und Saluzzi mit herrlichem Melos die Atmosphäre eines Tanzsaals, in das ein Paar fast beiläufig hineingeraten könnte, in Delfinos "Recuerdos De Bohemia" hingegen kristallisiert sich nach einem harschen Cellointro eine innig-zarte Melodie heraus. In der Zugabe dient nochmals die Habanera als Spielboden für einen spritzigen, verschmitzten Trialog der Akteure. Und Saluzzi, mit seinen beiden Kollegen vom vollen Haus umjubelt, freut sich darüber mit einem offenen Lachen wie ein kleines Kind.

Autor: Stefan Franzen