14. September 2009
Süchtig nach Salzkammergut
Mit dem Potenzial zum Kultstück: "Die Schönen der Nacht" mit Benatzkys "Im weißen Rössl"
Nur dass nachher niemand sagen kann, er sei nicht gewarnt worden: Solche Abende können sehr schnell Kultcharakter bekommen. In der Berliner "Bar jeder Vernunft" war das 1994 so. Monatelang war der Schuppen in der Schaperstraße ausverkauft, weil alle Welt Otto Sander, Max Raabe und die Geschwister Pfister im "Weißen Rössl" sehen wollte. Die Voraussetzungen sind nicht schlecht, dass das gleiche Stück im Freiburger E-Werk in der Eschholzstraße mit den "Schönen der Nacht" ähnliche Magnetwirkung entfalten könnte. Frei nach dem Operettenkaiser Franz Joseph in selbigem Opus: "S’is a mal im Leb’n so/ allen geht es eben so".
Zuvor aber erst noch ein wenig Theorie. "Im weißen Rössl", 1930 am Großen Schauspielhaus Berlin uraufgeführt, ist ein Zwitter, angesiedelt irgendwo zwischen Operette, Singspiel, Musical und Revue. Nicht nur, dass neben Ralph Benatzky vier weitere Komponisten an der Musik beteiligt waren, auch Orchester und Personnage sind gewaltig. Neben Kuhglocken, Jazzschlagzeug, Dampferglocke, Drahtbürste und diversen anderen mehr oder weniger bekannten Instrumenten sind eine Feuerwehrkapelle, eine Dampferkapelle und ein Schrammelquartett vorgesehen – nebst einer Vielzahl an Mitwirkenden auf der Bühne: über 30 Solisten, Chor, Ballett und Statisterie. Mit anderen Worten: genau die richtige Größenordnung für die Bühnenminimalisten Leopold Kern und Herbert Wolfgang alias "Die Schönen der Nacht"... Die beiden kommen – sich selbst und den Mann am Mischpult mit eingerechnet – mit einem achtköpfigen Ensemble aus. Einen Beitrag zur Spardebatte an deutschen Theatern darf man darunter indes nicht verstehen, denn erstens funktioniert so etwas nur mit ganz bestimmten Stücken, zweitens nur mit ganz bestimmten Leuten: Zum Beispiel Kern, Wolfgang & Co.
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Ein solcher "Co" ist beispielsweise Martin Schurr, der neben den Rollen des "schönen" Sigismund Sülzheimer, des berlinernden Giesecke und des ausnahmsweise mal Backenbart-losen aber dafür eingerahmten (sic!) Kaiser Franz Joseph auch noch für Konzept und Regie verantwortlich zeichnet. Zusammen mit dem Herrn Leopold, der mit dem Nachnamen Kern inszeniert und dem Nachnamen Brandmeyer einen hoffnungslos in seine Chefin, die Wirtin vom "Weißen Rössl", verliebten Zahlkellner mimt, der mit sich, seiner Umwelt und vor allem der charmanten Josepha Vogelhuber hadert, nur weil letztere ihn so lange nicht erhören will. Aber muss man die Geschichte noch einmal erzählen? Man muss nicht. Man kann dem Singspiel auch ohne das Studium der Theaterwissenschaften relativ mühelos folgen – auch in der inhaltlich-szenischen Verdichtung des Duos Kern-Schurr. Im Grunde macht’s in der Brechung noch viel mehr Spaß, wenn etwa die Revue-adäquaten so genannten Tanz-Evolutionen mancher Nummern zur Karikatur des Genres werden, aber trotzdem mit hoher choreographischer Kompetenz. Oder wenn auf der Taschenkino-Bühne die Aura eines Kuhstalls mit poppigen Kuhfellteppichen und -westen herbeigezaubert wird. Für die Badeanstaltszene wiederum genügen vier orangene Luftmatratzen – trefflich geeignet als Soffiten, hinter denen ein Kostümwechsel stattfinden kann. Fürs rechte Bergkolorit wiederum genügen ein paar schneeweiße Styropor-Gipfel (Astrid Hohorst), je abstrahierter und minimaler die Form, desto maximaler die Wirkung. Und für authentisches Salzkammergut sorgen Gmundner Fayencen und eine originale Trachten-Goldhaube.
Nach diesem Prinzip läuft der Abend wie geschmiert und sorgt ein aufs andere Mal für Lacher und Verblüffung. Darüber, wie vielseitig eine Bühne, die nur vom Zuschauerraum aus bespielt werden kann, nutzbar ist. Das geht freilich nur, wenn das "Orchester" mitspielt. Das sind einmal der musikalische Leiter Andreas Binder mit seinen exzellenten Operettenqualitäten am Flügel und an der Zither sowie seinem darstellerischen Potenzial als Piccolo und Professor Hinzelmann. Und die hinreißende Monika Flieger (Kathi, Klärchen) an der Quetsch’n und am Flügel, über deren Schwyzer Idiom man im Operetten-Salzkammergut angesichts ihrer Sing-, Spiel-, Tanz- und Jodelkompetenz gerne hinwegsieht.
Vielseitigkeit ist Pflicht bei dieser Produktion. Alle sind Solisten, Ensemble und Bühnentechnik zugleich. Und hinterlassen komödiantische Duftmarken. Herbert Wolfgang als smarter Dr. Siedler, Juliane Hollerbach als (auch stimmlich) kecke Ottilie. Vor allem jedoch die charismatische Rössl-Wirtin Stefanie Verkerk, deren Charme man(n) schnell zum Kellner ihres Herzens werden lässt. Dieses Privileg gebührt auf der Bühne gleichwohl nur dem Leopold – Leopold Kern. Sein "Zuschau’n kann i net", seine Wiener-Lied-Einlage, sein Spiel mit dem Publikum lassen an die Tradition des Wiener Vorstadttheaters à la Nestroy denken. Und daran, wie einfach Theater doch sein kann, wenn die Ausstrahlung stimmt. Dem Freiburger "Weißen Rössl" jedenfalls eröffnet das Aussichten auf eine hinreißende Saison – Berlin lässt grüßen!
- Weitere Aufführungen bis 30. Januar 2010, jeweils Freitag und Samstag (nicht zwischen dem 15. November und 3. Dezember sowie 20. Dzember und 8. Januar) Tel. 01805/556656.
Autor: Alexander Dick




