Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. April 2010

E-Werk Freiburg

Fehlfarben: Tänzelnde Standhaftigkeit

Die Fehlfarben spielten im Freiburger E-Werk neue und auch ganz alte Songs.

  1. Taugen auch für eine neue Generation: die Fehlfarben bei ihrem Freiburger Auftritt Foto: michael bamberger

"Ich hätte gedacht, es gäbe heute ein Klassentreffen", sagte einer der Gäste, Martin Wiedemann vom Freiburger Vorderhaus. Gab es aber nicht. Klar, es waren einige Leute ins E-Werk gekommen, die sich "Monarchie und Alltag" schon gekauft haben, als die LP 1980 herauskam. Die Fehlfarben sind alte Helden der undogmatischen Linken, im Gefolge des Punk angetreten, um dem Deutschrock das Geschichtenerzählen aus Industriestädten und Neonkneipen beizubringen. So wie sie auf ihrem Debütalbum hat seither keiner seine Gegenwart in Musik festgehalten. Mit der darin enthaltenen Kapitalismuskritik haben sie aber auch dreißig Jahre später, auf ihrem neuen Album "Glücksmaschinen", nicht aufgehört. Und deshalb sind ins E-Werk auch einige gekommen, die 1980 noch gar nicht geboren waren. Die Fehlfarben taugen auch für eine neue Generation.

"Warum sehen die A…löcher so gut aus?", fragt Sänger Peter Hein, nachdem er die Band vorgestellt hat. Weil er ihnen die Hemden handbemalt hat. "Ausgeraucht" steht auf dem von Frank Fenstermacher, dem einen Tastenmann. So heißt auch einer der Songs auf dem neuen Album. Ausgeraucht wie eine Zigarette sind jene Menschen, die von der globalisierten Wirtschaft arbeitslos gemacht und weggeschnippt werden. Die anderen Hemden sind hübsch bunt, stilisierter Hawaiistil, kunstvoll. Heins eigenes Hemd hat große Pfeile drauf, er gibt die Richtung an. Wenn er auch die Sache nicht alleine bestimmt. Die Fehlfarben sind eine sehr kompakte Band. Zwar haben sie den zweiten Gitarristen nicht mehr, aber mit noch immer zwei Tastenmännern gestalten sie einen Wall of Sound, der enorm mächtig ist. Und dessen Stützpfeiler von der großartigen Schlagzeugerin Saskia von Klitzing kraftvoll in den Boden getrieben werden. Vom simplen Punk ist das so weit weg wie vom spiddeligen Funk, den die Fehlfarben anfangs der 80er spielten. Ihr Elektrorock von heute hat große Kraft.

Werbung


Ältere Stücke werden dem aktuellen Sound angeglichen

Mit "Glücksmaschinen" geben die Düsseldorfer gleich zu Beginn den Ton an. Später kommen "Stadt der 1000 Tränen", "Neues Leben", "Wir warten" – das halbe neue Album ist im Repertoire. Und die älteren Stücke werden dem aktuellen Sound angeglichen. Bei "Am Ende das Meer" rauscht die Musik zu einer großen Welle auf. In der "Politdisko" wird eifrig mitgetanzt. Der Unterschied zu früher wird deutlich, wenn die Fehlfarben Stücke von "Monarchie und Alltag" spielen: "Paul ist tot", "Das war vor Jahren", "Grauschleier". Allesamt viel wuchtiger geworden. Und, ja den spielen sie auch, "Ein Jahr (Es geht voran)" – obwohl längst kein grauer B-Film-Held die Welt mehr regiert, sondern ein Afro-Amerikaner.

Wenn Hein seine 80er-Jahre-Hymne, damals auf jeder Juso-Fete gespielt, anstimmt, dann geht es ihm um die Haltung. Darum zu zeigen, dass er die Widerständigkeit nicht aufgegeben hat. Seiner Stimme, die sowieso immer etwas von Deklamieren hat, lässt er bei "Paul ist tot" vom Tonmann mit viel Hall versehen, was ihr etwas Pathetisches gibt. Wie ein Bühnenschauspieler, der eine Rolle spielt. Hein macht auch eine Künstlerverbeugung mit Armschlenker, als er nach dem Lied die Bühne verlässt. Aus einst unmittelbarer Wut und Trauer ist mittlerweile eine symbolische Handlung geworden.

Auch die Art, wie Hein sich bewegt, hat nicht mehr dieses Dringliche, wie er es zu Punk-Zeiten hatte, dieses Nervöse, zugleich Angreifende und Ausweichende. Heute macht er den Eindruck eines Menschen, der weiß was er will – standhaft, wenn er ans Mikro tritt. Aber es ist eine Art tänzelnder Standhaftigkeit, denn oft machen die Beine kleine Schrittfolgen, wenn er am Mikro steht. Und immer wieder lässt er es ganz los, tänzelt zur Musik seiner Band über die Bühne. Ein Anfangsfünziger, der sich seine Freiheit nimmt, auch gegenüber seiner Vergangenheit. "Wir leben / wir sind Glücksmaschinen / wir sind noch lang nicht ausgeschieden," singt er.

Online-Fotoalbum zum Konzert unter www-badische-zeitung.de

Autor: Thomas Steiner