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03. April 2012

Absturz vom Drahtseil

Reinhild Hoffmanns und Justin Browns "Lohengrin" in Karlsruhe.

  1. Drahtseilakt: Lohengrin (Lance Ryan, rechts) Foto: jochen Klenk

"Wann geht der nächste Schwan?" Fragte der große Tenor Leo Slezak einer Anekdote zufolge, als er in einer Aufführung des "Lohengrin" den Einstieg in das mythische Schwanengefährt verpasste, das ihn im dritten Aufzug vom Hier in seine Gralsritterwelt wieder zurück expedieren soll… Nun, Richard Wagner hat der Regie mit seiner romantischsten Oper eine harte Nuss zu knacken aufgegeben. Ankunft und Abschied des heilsbringenden Ritters (in einem von einem Schwan gezogenen Nachen!) lassen sich, zumal in der Gegenwart, auf der Bühne schwer ohne Kitsch oder Komik umsetzen. Umso mehr fiebert man in jeder neuen "Lohengrin"-Inszenierung dem "Wunder" entgegen. In der aktuellen Freiburger Produktion scheut Regisseur Frank Hilbrich nicht vor der Schwanenmetapher zurück – auch wenn der echte Schwan aus dem Verkehr gezogen werden musste.

In Karlsruhe, wo Reinhild Hoffmann relativ kurzfristig an Stelle des verhinderten Benedikt von Peter eine Inszenierung erfinden musste, soll nun ein anderes Bild die Magie des Augenblicks einfangen: der Drahtseilakt. Eine interessante Idee, denkt sich, wer die Erläuterungen zur Regie im Programmheft liest. Bis er mit der Praxis konfrontiert wird: Ein wackliger Seiltänzer-Pappkamerad wird über das diagonal über die Bühne gespannte Seil gezogen. Das sieht nach unfertigem Handwerk aus, soll aber an den Hochseilartisten Philippe Petit erinnern. Ach so. Parallel dazu schreitet der Gralsritter von der entgegengesetzten Seite auf die Bühne, begleitet von einem kleinen Shogun-Krieger – beide ausgestattet mit Balancierstange. "Lass meinen Lohengrin schön, aber nicht prunkend und – albern sein", schrieb Richard Wagner 1853 an seinen Freund, den Regisseur Ferdinand Heine. Leider ist genau das passiert in Karlsruhe.

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Telramund dribbelt linkisch vor dem Fußballtor

Wenn man so will, ist jede Inszenierung ein Drahtseilakt, der das Scheitern impliziert. Und vermutlich fehlte Reinhild Hoffmann und den Karlsruher Werkstätten einfach die Zeit, das umzusetzen, was aus der für sich gesehen nicht unspannenden, auf einem Nietzsche-Zitat fußenden Idee hätte werden können. Trotzdem ist das keine Entschuldigung dafür, dass die Regisseurin – Choreographin! – nun so gar nicht Personen führen kann. Stocksteif bewegen sich die dramatis personae und Ensembles auf der Bühne – als wär’s eine Opernparodie. Der uncharismatische und überdies nur in Bruchstücken angedeutete Raum (Bühne: Hartmut Meyer) dagegen hat ambitionierte Intentionen. Ein Stadion soll es sein, in dem sich die Geschichte zuträgt, doch, Zitat Programmheft, "es geht hier nicht um eine Sportveranstaltung". Aha. Trotzdem muss Telramund zu Beginn der dritten Szene im zweiten Aufzug (Thema: Tagesanbruch) auf der grünen Spielfläche vor einem Tor linkisch wie ein Amateur herumdribbeln, trotzdem führt der Weg am Ende dieses Aufzuges das Brautpaar (natürlich) nicht ins Münster sondern aufs Siegertreppchen, auf dem dann später auch die Hochzeitsnacht stattfindet. We are the champions…

Für die unbeholfen nach zeitgemäßen Metaphern suchende Regie kann das leider nicht gelten. Und dass Emily Laumanns die Damen des Chores in 1940er Jahre-Kostüme stecken muss, während die Herren überwiegend in Smokings agieren, fügt sich dann treffend in dieses Assoziationsroulette. Wo so oft auf der Bühne "Heil" gerufen wird – kann diese Zeit nicht fern sein, oder? Die Heilsrufer agieren indes mit vokaler Fülle und gestähltem Klang, auch wenn die Homogenität gerade der Männerchöre (Einstudierung: Ulrich Wagner) noch besser sein könnte. Dass die Koordination des unsinnig weit auseinander dividierten Brautchors nicht immer passt, geht dagegen wieder aufs Konto der Regie.

Ansonsten ist dieser Karlsruher "Lohengrin" von starkem musikalischen Ausdruck, gerade weil die Badische Staatskapelle unter ihrem Chef Justin Brown wie aus einem Guss spielt, hervorragend ausbalanciert an den Tutti-Stellen und mit großer Detailschärfe, in der sich das sprechende "Ring"-Orchester schon ankündigt. Lance Ryan, der designierte Bayreuther Siegfried, zieht an seiner langjährigen Wirkungsstätte die Heldentenor-Trumpfkarte. Sein heftiges Tremolo, sein vehementes Forcieren und seine Neigung, die Höhen zu stemmen, sind Geschmackssache. Doch die intelligente, technisch reife Gestaltung seiner Gralserzählung spricht für den Kanadier, der derzeit zu den gefragtesten Wagner-Tenören zählt. Wenngleich nicht ihre Partie, so überzeugt Heidi Meltons sensible, dunkle Elsa doch trotz winziger Unsicherheiten im Ansatz. Bei Susan Anthony dagegen funktioniert das Experiment Ortrud weniger: Ihr zu heller, hoher Sopran macht die Stimmcharakteristik zu schrill, Intonationsprobleme bleiben nicht aus. Kräftig, mit großer Heldenbariton-Power: der Heerrufer von Seung-Gi Jung. Und Jaco Venter gibt einen überzeugenden, ausdrucksstarken Telramund mit dunklem Timbre. Das wiederum vermisst man bei Renatus Meszars flachem König Heinrich sehr. Freilich, die Regie verschließt sich hier nicht der aktuellen Mode, diese Figur wie einen Trottel zu inszenieren.

Die Reaktionen beim Publikum sind eindeutig wie selten: großer Beifall für die Musik, massive Buhs für das Regieteam. Ein Absturz vom Drahtseil, schwant uns…
– Weitere Aufführungen am 6., 9., 15. April, 17. Mai, 7. Juni. Tel. 0721/933333.
www. staatstheater.karlsruhe.de

Autor: Alexander Dick


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