Himmel oder Hölle

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 31. Dezember 2018

Theater

Manuel Kreitmeier inszeniert "Dorian Gray" mit den Immoralisten.

Am Ende sind fast alle tot. Aber einen letzten Dialog gibt es, zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf, das sich soeben vor den Augen des Publikums selbst gerichtet hat. Ob er im Himmel sei, fragt Dorian Gray Lord Henry. "Denk nach!", fordert der. Und Gray, der es nun wirklich besser wissen sollte, betrügt sich erneut: "Ja, der Himmel".

Es ist das Ende von "Das Bildnis des Dorian Gray" in der famosen Theaterfassung von Regisseur Manuel Kreitmeier für die Freiburger Immoralisten. Nur langsam fällt die Spannung vom Publikum ab. Knapp 100 Minuten hat das fünfköpfige Ensemble es mit Oscar Wildes, wie Die Zeit einmal schrieb, "Schauermärchen von der Amoral der Ästhetik" gefesselt. Bei Kreitmeier ist die Aussage weniger abstrakt, dafür heutiger: Das Beschäftigtsein ausschließlich mit dem eigenen Selbst macht uns zu seelenlosen Monstern. Narzissmus als Lebensprinzip geriert keine Wärme, kein Miteinander, kein Füreinander.

Als Dorian Gray im Atelier des Fotokünstlers Basil Halllward auftaucht, ist er ein junger, schöner Mann. Chris Meiser, die in diese schwierige Rolle wunderbar nachvollziehbar eintaucht, trägt da noch ein blütenweißes Hemd und eine schwarze Hose. Der Mann, von dem das Unglück ausgeht, Lord Henry, trägt einen schwarzen Pullover unter dem weißen Anzug. Wie zwei Seiten einer Medaille sind diese beiden Figuren schon durch ihre spiegelverkehrte Kleidung gezeichnet; Reinheit und Schuld, Mensch und Projektionsfläche, Kunst und Wirklichkeit.

Der Künstler Basil gesteht: In sein Porträt des Dorian Gray hat er sein ganzes Inneres, seine ganze Ausdrucksfähigkeit gelegt – so, dass die Fotografie mehr Leben enthält, als das Leben selber. Wenn aber einer ein Bildnis mehr liebt, als einen Menschen aus Fleisch und Blut, so kann daraus kein Glück, keine Erfüllung erwachsen. Das gilt nicht nur für die homoerotische Liebe zu Dorian, die Basil später einräumt, das gilt für jegliche Liebe. Bei Jochen Kruß ist dieser Basil, so talentiert, so verzweifelt, gut aufgehoben.

Markus Schlüter verkörpert Lord Henry, den Zyniker, den Verführer und Blutsauger der Jugend und der Schönheit, ohne offensichtliche Brutalität. Er kommt so dem Ich-bezogenen Menschen, den jeder kennt – vielleicht auch von sich selbst – gefährlich nahe. Gerade darum vermag sein Spiel zu berühren. Wie auch das von Christina Beer als Schauspielerin Sibyl, deren Welt sich durch die Begegnung mit Dorian Gray so verändert, dass sie sich, als er sie verstößt, nicht mehr zurechtfindet. Beer transportiert diese Tragik auf anrührende Weise – eine ohnmächtige, aber keine schwache Figur. Verlässlich agiert auch Antonio Denscheilmann als Sibyls Bruder James, der den Tod der Schwester rächen will. Doch von außen kann dem Mann, der seine Seele für ewige Jugend und Schönheit verkauft hat, niemand etwas. Chris Meiser, um noch einmal auf die Darstellerin des Dorian zu kommen, wirkt ungeheuer sicher in ihrem Auftritt, präsent in jeder Gefühlsregung.

Das Stück, das mit wenigen Requisiten wie einem überdimensionalen Bilderrahmen, in den das sich verändernde Porträt Dorian Grays projiziert wird, auskommt, und sehr von den handlungstreibenden Dialogen und kurzen Erzählpassagen lebt, gewinnt noch einmal enorm durch die von Florian Wetter eigens komponierte und live eingespielte Musik. Harte elektronische Klänge, ergänzt durch fein gesetzte einzelne Töne und klassische Motive ergeben eine sogartige Wirkung. An Filmmusik erinnert es, wenn Wetter die Vernichtung Basils hinter dem roten Vorhang gar lautmalerisch begleitet.

Das Premierenpublikum zeigte sich hochzufrieden mit einer weiteren profunden und bewegenden Theaterarbeit der Immoralisten.

Weitere Termine ab 3. Januar. Infos unter
http://www.immoralisten.de