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29. März 2012
Lieber eine Kur machen
Hans Poeschl bringt Theresia Walsers und Karl-Heinz Otts Stück "Die ganze Welt" auf die Bühne.
Ob in Yasmina Rezas "Gott des Gemetzels" oder in Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?": Paare, die zu zweit allein sind und deren Lebenslügen vorzugsweise dann implodieren, wenn ein anderes Paar zugegen ist, sind Theaterbesuchern vertraut. Im Publikum amüsiert man sich über sie, oft ist es ein befreiendes Lachen, auch ein feines, wissendes Schmunzeln, doch hin und wieder auch ein entsetztes Aufschreigelächter: Letzteres, wenn man sich durch Worte und Gesten auf der Bühne erkannt fühlt im eigenen Alltag mit dem Menschen, den man liebt – oder zu lieben glaubt.
Die Bandbreite dieser Reaktionen war jetzt auch im Wallgraben-Theater zu beobachten bei der Premiere von "Die ganze Welt". Das gemeinsame Stück des Freiburger Schriftstellerpaars Theresia Walser und Karl-Heinz Ott ist im Herbst 2010 im Nationaltheater Mannheim uraufgeführt und nun von Hans Poeschl mit feinem Humor, angemessenem Furor und guter Darstellerführung auf die Kellerbühne gebracht worden.
Im ersten Akt sind Regina und Richard allein auf ihrer von einer hellen, mit Efeu bewachsenen Mauer begrenzten Dachterrasse. Sie sind von den Nachbarn eingeladen, jedoch froh, diese Einladung ausgeschlagen zu haben: Die Ärztin und der freie Schriftsteller mögen sich nicht mehr mit den verbalen Belanglosigkeiten Dritter belasten, zumal, wenn diese mit Bier und Nudelsalat serviert werden. Ihre Lösung ist einvernehmlich-pragmatisch: "Inzwischen sagen, wir, wenn wir eingeladen werden: Wir machen eine Kur." Doch im zweiten Akt kommen die Gastgeber Tina und Dolf, die im selben Haus wohnen, einfach rauf und nötigen Regina und Richard, Schnitzel, Salat und Rotwein zu konsumieren – und darüber hinaus Zeugen diverser Beichten zu werden: Affären, Phantasien, Vorurteile. Im dritten Akt schließlich sind Regina und Richard wieder allein – und doch sind Tina und Dolf mit anwesend, denn die Figuren spielen die ganze Zeit mit allen Identitäten: subtil, intelligent, körperbetont und dabei sprachlich auf höchstem Niveau.
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wie sie zustande kommt
Michael Schmitters Richard ist ein großer Schmerzensmann mit messerscharfem Verstand. Er genießt das Spiel mit seiner Partnerin – obwohl er ihr im Alltag oft unterlegen ist. Ein Würstchen schließlich ist Peter Haug-Lamersdorfs Dolf. Lächerlich schon wirkt die Reduktion seines Namens Rudolf – und auch seine Männlichkeit fällt zusammen, wenn er zugeben muss, dass er seine Frau schlägt.
Hans Poeschl hat sich in diesem dialogbetonten Stück klugerweise für die zusätzliche Dimension der Körperlichkeit entschieden: Das vertieft die Dynamik und hält den Spannungsbogen in diesem 80-minütigen Kammerspiel aufrecht, das wunderbar auf die Wallgraben-Bühne passt. Weil es ein gutes Stück ist, weil alle Beteiligten daraus eine beeindruckende Ensembleleistung machen. Langer Beifall mit Bravo-Rufen!
– Weitere Termine bis Ende April. Info: BZ-Kartenservice Tel. 0761/4968888.
Autor: Heidi Ossenberg



