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30. Juli 2012
„Zauberflöte“ in Salzburg
Mozart oder: Viele Geschichten
Jens-Daniel Herzogs und Harnoncourts "Zauberflöte" in Salzburg.
"Die Zauberflöte" hat Hochkonjunktur. Im nächsten Jahr werden die Berliner Philharmoniker damit die ersten Baden-Badener Osterfestspiele eröffnen (Regie: Robert Carsen), im Sommer 2013 wird Mozarts Oper dann auf der Bregenzer Seebühne in der Abschiedsinszenierung des Intendanten David Pountney zu sehen sein. Den Anfang dieser hochkarätigen Werkschau machte nun aber Alexander Pereira in Salzburg, der ganz bewusst das Werk an den Beginn seiner Amtszeit als Intendant der Festspiele stellt. Der frühere Zürcher Opernchef möchte bei den Salzburger Festspielen "Mozart-Aufführungen produzieren, die man anderswo nicht besser hören kann", verspricht Pereira jedenfalls vollmundig in einem Interview mit dem österreichischen Magazin Profil.
Nach einem seltsam emotionslos beklatschten Abend macht sich im Publikum nicht gerade Aufbruchsstimmung breit. Dabei haben Dirigent Nikolaus Harnoncourt und Regisseur Jens-Daniel Herzog bei dieser "Zauberflöte" in der Felsenreitschule viel richtig gemacht. Dass der Regisseur die spielerische Note betont, der Dirigent aber mit dem Concentus Musicus Wien immer wieder die Extreme sucht und in den Akkordschlägen für existenzielle Erschütterungen sucht, muss nicht als Widerspruch, sondern kann auch als komplementäre Ergänzung verstanden werden.
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Mit dem von ihm gegründeten Alte-Musik-Ensemble erzielt Harnoncourt in der Ouvertüre eine klangliche Radikalität, über die man fast erschrickt. Die nur kurz gehaltenen Bläserakkorde werden abgerissen, die dynamischen Kontraste prallen völlig unvermittelt aufeinander. Da hört man die Paukenschläge nur noch als Knall und nicht mehr als Ton. Die Oboe näselt, das Staccato der Streicher wird zum Staccatissimo – wie überhaupt der Streicherklang eher spaltet als verbindet.
Im weiteren Verlauf des fast vierstündigen Abends weicht die Schroffheit einer verbindlicheren, in den Bläsern sehr farbigen Tongebung, was besonders bei den sensibel begleiteten Arien von Vorteil ist. Den Solisten schenkt Harnoncourt allen Raum und bisweilen auch alle Zeit der Welt. Nach nochmaligem Studium des Autographs hat der Dirigent die meisten Tempi langsamer genommen, als man es im Ohr hat. Der Schlusschor "Es siegte die Stärke, und krönet zum Lohn" aber wird so atemberaubend schnell gesungen (flexibel: der Wiener Staatsopernchor) und musiziert, dass man dem pathetischen Ende der Oper nicht trauen kann. Regisseur Jens-Daniel Herzog unterstützt die Ironie. Entspannt schieben Tamino und Pamina gemeinsam mit Papageno und Papagena (glockenhell: Elisabeth Schwarz) das auf vier Kinderwagen verteilte Babyglück des Vogelhändlers über die Bühne, während sich Sarastro und die Königin der Nacht kloppen.
Regisseur Jens-Daniel Herzog möchte nicht die eine Geschichte erzählen, sondern viele. Bei solch einem vielschichtigen Werk, das sich im Spannungsfeld zwischen Volkskomödie und Freimaurerpathos bewegt, ist das kein schlechter Ansatz. Was Herzogs Regie auszeichnet, ist eine gewisse, von ironischer Distanz getragene Leichtigkeit. Die drei Damen (gut ausbalanciert: Sandra Trattnig, Anja Schlosser, Wiebke Lehmkuhl) sind leicht nymphomanisch, wenn sie um die Gunst Taminos werben und zu diesem Zweck auch mal eine Stoffschlange aus der Handtasche herauslassen.
Papageno (mit geschmeidigem Bariton, gutem Timing und charmantem österreichischen Tonfall: Markus Werba) kurvt mit der Drei-Rad-Vespa um die Ecke und präsentiert seine Vögel als Delikatesse. Herzog nimmt vieles wörtlich. Mit seiner krummen Zauberflöte, die Tamino immer im Koffer dabei hat, besänftigt er wilde Tiere. Die Königin der Nacht (Mandy Friedrich singt sie hochdramatisch mit blitzblanken Koloraturen) wird bei ihren Auftritten von Feuer und Donner(blech) unterstützt.
Das aus verschiebbaren Elementen bestehende Bühnenbild hat Mathis Neidhardt aus den Säulenbögen der Felsenreitschule entwickelt. Sarastros Weisheitstempel besteht vor allem aus vielen Türen, hinter denen sich Männer in weißen Kitteln aufhalten. Die Sklaven von Monostatos, der in Salzburg gemäß Autograph Manostatos heißt (schön eklig: Rudolf Schasching), sind Schüler, die Priester sind Wissenschaftler – oder Psychiater. Ihr glatzköpfiger Oberguru Sarastro (mit guter Diktion und edlem Bass: Georg Zeppenfeld) hat ein Blinklicht auf der Brust, das den Sonnenkreis darstellen soll, aber eher an eine Baustelle erinnert. Auch wenn sich mancher Gag als Rohrkrepierer erweist und manches Kostüm wie der feuerfeste Silberanzug der Geharnischten zur Feuerprobe seltsam anmutet – Herzog führt die Figuren besonders auch in den langen Dialogen und ermöglicht klare Rollenprofile. Pamina wird von der überragenden Julia Kleiter als aufrichtig liebende Frau gezeichnet, deren Verletzlichkeit in ihrem angenehm schlichten, fast liedhaften Sopran immer spürbar ist. Und Bernard Richter, der am Freiburger Theater bereits als Idomeneo, Lucio Silla und Mitridate zu hören war, verleiht Tamino durchaus männliche Züge, wenn er seinen warmen, strahlenden Tenor fokussiert.
Der Weisheit letzter Schluss ist diese "Zauberflöte" sicherlich nicht. Aber eine durchaus hör- und sehenswerte Produktion, die Lust macht auf mehr Mozart in Salzburg.
– Weitere Aufführungen: heute, sowie am 2., 4., 6., 11., 13., 17. und 19. August.
Autor: Georg Rudiger



