Mozart trifft Afrika

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 04. September 2018

Theater

Alain Platels "Requiem pour L." beim Theaterfestival auf der Großen Bühne des Basler Theaters.

Darf man das? Darf man auf einer Großleinwand eine Sterbende zeigen – bis zum Eintritt des Todes? Dem belgischen Choreographen Alain Platel hat sich diese Frage offenbar nicht gestellt. In "Requiem pour L." mutet er den Zuschauern genau dieses zu: Fast zwei Stunden lang müssen sie auf der Großen Bühne des Basler Theaters, wo "Requiem pour L." im Rahmen das Theaterfestivals gezeigt wird, in das Gesicht einer Frau schauen, das auf einem geblümten Kissen ruht, umgeben von Menschen, die manchmal durchs Bild wischen und manchmal von der Seite zu sehen sind. "L.", die die Arbeiten Platels geschätzt hat, erlaubte ihm, ihre letzten Stunden während der Probenphase zu filmen. Meistens sind ihre Augen geschlossen, manchmal scheint ein Lächeln durch ihre Züge zu gehen, einmal wendet sie sich noch einmal ganz wach einem Besucher zu, nickt beseelt. Es sind friedliche, fast tröstliche Bilder: Und doch sind sie nur schwer zu ertragen; man kommt sich wie ein Voyeur vor, je länger man von ihnen gebannt wird.

Die Bühne davor ist ein Stelenfeld. Es erinnert durch die unterschiedlichen Höhen der Podeste fast zwangsläufig an das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Das Stelenfeld ist die Spielfläche für zehn Musiker und sechs Sänger: Mozarts unvollendet gebliebenes Requiem war für den Komponisten Fabrizio Cassol das Ausgangsmaterial für eine ganz andere Art von Totenmesse. Die aus dem Kongo, Brasilien, Südafrika und Europa stammenden Musiker zünden vor den stummen Bildern aus dem Sterbezimmer mit E-Gitarren, Akkordeon, Percussion und Tuba, mit Gesängen und geschmeidigen Bewegungen ein rhythmisches Feuerwerk, das im denkbar großen Kontrast zur fast bewegungslosen Ruhe auf der Leinwand steht. Wer sich auf Mozart eingestellt hat, kommt eher weniger auf seine Kosten: Mehr als Fetzen, Fragmente – eine musikalische Phrase hier, eine lateinische Gebetszeile da – sind nicht zu vernehmen. Cassol hat, wie er in einem Inter- view erläutert hat, die Ergänzungen von Joseph Eybler und Franz Xaver Süßmayr aus der Partitur entfernt und durch afrikanische Musik ersetzt.

Drei klassisch ausgebildeten Opernsängern – Countertenor, Sopran, Bass – stehen drei kongolesische Sänger gegenüber, deren Texte in den Landessprachen Lingala und Swahili man gern auch verfolgt hätte, aber eine Übertitelung gibt es nicht. So ist man auf Gestik und Mimik angewiesen: Und naturgemäß bleibt der getragene, zumindest für westliche Ohren auch ergreifende Charakter der Mozart’schen Totenmesse im Hintergrund. Es ist ein Fest des Lebens, das – so sieht es der Choreograph und so soll es auch das Publikum von "Requiem pour L." sehen – den Tod als dessen natürliches Ende mit einbezieht; mal wenden sich die Musiker geradezu demonstrativ der Leinwand zu; mal bleiben sie unter sich und scheinen "L." zu ignorieren. Doch ihre Anwesenheit über das Eintreten des Todes – das man kaum wahrnimmt – hinaus bleibt unabweisbar. Es ist diese Spannung zwischen wuseligem Leben auf der Bühne und den nur noch minimalen Bewegungen der Sterbenden – ein-, zwei-, dreimal geht ihre Hand noch zu den Augen, zum Mund –, die diese Performance und ihre tabubrechende Grenzüberschreitung ausmacht. Sonst wäre es nur ein Konzert, in dem sich die abendländische und die afrikanische Musiküberlieferung auf sehr ungewöhnliche Weise mischen.

Es gibt in diesem aufgekratzten Afrorock auch Momente des Innehaltens: Wenn nur noch ein schabendes Luftholen der Instrumente zu hören ist, wenn Mozarts "Miserere nobis" ausgesungen wird, wenn sich die Musiker auf das Gräberfeld legen und die Szene noch weiter eindunkelt: Dann finden auf der Bühne auch Trauer und Klage ob der Vergänglichkeit des Lebens statt. Doch das letzte Wort sind sie nicht: Fast wütend stampft das Ensemble am Ende einen harten Rhythmus auf die schwarzen Holzpodeste. Das Publikum im ausverkauften Saal reagiert zum Teil mit Standing Ovations. Als ob es sich selbst den Tod aus den Kleidern schütteln wollte. Aber so einfach geht das nicht. Ein radikaler Abend bleibt ein radikaler Abend.