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02. Juli 2012

Schöne Gesänge

Ein Konzert mit Arien, Duetten und Szenen aus vier italienischen Opern an der Freiburger Musikhochschule.

  1. Erstmals auf der Bühne: Freiburger Gesangsstudenten Foto: BZ

Was braucht es für Belcanto, den schönen Gesang? Gioacchino Rossini musste es wissen: "Das Instrument, die Stimme also; die Technik, die Mittel, sich ihrer zu bedienen; der Stil, der aus Geschmack und Empfindung resultiert." Diese Elemente gelangten zur Entfaltung im Opernkonzert der Freiburger Musikhochschule, das streckenweise hochklassig war. Eigentlich bezeichnet Belcanto den italienischen Gesangsstil des 18. und frühen 19. Jahrhunderts; im allgemeinen Sprachgebrauch aber den Gesang der italienischen Oper in ihrer Hochblüte.

In diesem Sinn präsentierte das Institut für Musiktheater im bestens besuchten Konzertsaal der Hochschule eine Auswahl von – in italienischer Sprache gesungener, deutsch übertitelter – Szenen aus vier Opern: Konflikte und ihre Auflösungen, Liebeshändel allerorten. Institutsleiter Alexander Schulin ließ auf einer Bühne ohne Bühnenbild agieren: Die karge Szene und die durchdachte Choreographie lenkten die Aufmerksamkeit ganz auf Gesang und Spiel der Studierenden.

Bei Donizettis "L'elisir d’amore" erzielte Alvaro Zambrano als Nemorino mit wenig Aufwand komödiantische Effekte: so sein entzückter Umgang mit der Weinflasche, in der sich der vermeintliche Liebestrank befindet, sein "Salute!" in den Orchestergraben. Wahrhaftig war seine Arie "Una furtiva lagrima", glaubhaft auch die raschen Affektwechsel im Duett mit Roxana Herrera Diaz als Adina, deren beweglicher Sopran mit zunehmender Höhe zur Verhärtung neigte (kompetent: die Rezitativbegleitung von Arturo Perez Fur am Pianoforte). Won Kim als Belcore zeigte wenig Facetten, insgesamt aber eine solide Leistung.

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Ohne Biss, schlicht zu brav musizierte hier noch das Orchester der Hochschule unter der Leitung von Neil Beardmore. Einfühlsam aber die Interpunktierung von Giuliettas Arie "Oh, quante volte" in Bellinis "I Capuleti e i Montecchi". Meike Hartmann als verstört über die Bühne wandelnde Julia beeindruckte darstellerisch und noch mehr gesanglich: mit perfektem Tonansatz, dem Nuancenreichtum ihres klangschönen Soprans, der Präsenz, mit welcher sie sich in die höchsten Lagen schwang. Die Parallelführungen im Duett mit Yun Fei Lu in der Rolle des Romeo leuchteten.

Die musikalische Leitung teilte Beardmore mit seinem Kollegen Scott Sandmeier, der nach der Pause am Pult stand. Gewiss, die Ouvertüre zu Rossinis "Il barbiere di Siviglia" ist ein dankbares Stück, aber man muss sie erst einmal so grazil wirbelnd, dynamisch abstufend, mit solch zupackender Italianità musizieren. Kräftige Impulse schoss das Orchester nun zu Figaros Arie "Largo al factotum" zu, die unwiderstehlich pulsierte. Sinwoo Kim war ein vitaler, umtriebiger Figaro; oft löste er die schwierige Aufgabe des Silbenstaccatos gut, eilte dem Orchester bisweilen aber hinterher. Glanzvoll war Franziska Günderts Auftritt als Rosina. Die launischen Verwirrspiele von Rossinis "Barbier" können ermüden; der Höhepunkt stand am Ende des langen, im Hinblick auf den Spannungsbogen vielleicht zu langen Abends: Verdis "Falstaff", seine letzte Oper, das Werk eines Achtzigjährigen.

Wunderbar zur Geltung kam der verschmitzte Charakter dieser Musik, das instrumentale Lachen. Die Plastizität der Abläufe, die Ausdruckstiefe des Spiels, die Souveränität der Ensemblegesangs (auch in der fulminanten Schlussfuge) – das war hinreißend. Die Personenführung ein ulkiges Aneinanderpoltern wie in einem Disneyfilm. Die Männer: kernig; aus dem ebenso homogenen Frauen-ensemble stachen Claudia Mundi als Alice und insbesondere Keiko Enomoto als Nannetta heraus. Ihr Liebesduett mit Fenton (toll: Hyo-Kun Ha) nahm gefangen, ihre Gesangstechnik war makellos, ihre Darbietung innig – ein schöner Gesang. Rossini wäre zufrieden gewesen.

Autor: Dennis Roth