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02. April 2012

Weihrauchgeruch und der Ruf des Muezzin

"Digitale Geschichten": Sechs Frauen erzählen von ihrer Religion.

  1. Bosnische Straßenszene aus der digitalen Geschichte von Lejla Karovic-Kersting Foto: promo

"Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?" Hand aufs Herz: Wie oft stellen wir heute diese Frage, die Gretchen ihrem Faust stellte – und die schon immer weit mehr implizierte als die mögliche Antwort: "Also, ich bin katholisch getauft." Religion ist ein heikles, weil sehr persönliches Thema, es berührt die Wurzeln eines jeden Menschen. Eine Frage nach der Religion ist oft genug auch eine Frage nach Erziehung, Sozialisation, Moral- und Wertvorstellungen eines Menschen. Nicht eben leicht – und nicht eben rasch zu beantworten. Sicher auch nicht in den drei Minuten, die sechs Freiburgerinnen, die alle nicht in Deutschland geboren wurden, jeweils für ihren Teil des soziokulturellen Projekts "Digitale Geschichten" zur Verfügung hatten, das am Sonntag im Kammertheater des E-Werks erstmals öffentlich gemacht wurde. Aber um Zeit ging es auch nicht.

Vier Mal trafen sich die kurdische Muslima, die bosnische Theologin, die Indonesierin mit christlichem Hintergrund, die Katholikin aus der Dominikanischen Republik, die taiwanesische Taoistin und die französische Spanierin, aufgewachsen mit jüdischen wie katholischen Bräuchen, in einer Schreibwerkstatt, um sich zu überlegen, welchen Schwerpunkt sie ihren biografischen Geschichten über ihre religiösen Wurzeln geben möchten. Gerüche von Weihrauch trafen so auf den Ruf des Muezzin, Prozessionsgesänge auf die Bewegungsabläufe von Qigong. Die Erinnerung an die gläubigen, aber toleranten Eltern erwachte, ebenso die an die Oma der Theologin, für die die Enkelin nichts weniger als "ihr Imam" war.

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Zunächst in ihrer jeweiligen Muttersprache, dann auf Deutsch erarbeiteten sich Emine Celik, Wenda Engelhard, Teresa Habla, Tsui-Chuan Huang, Lejla Karovic-Kersting und Joelle Verdes einen Text, der mit Hilfe des Briten Matt White (künstlerische Leitung) und des Stuttgarters Alexander Schmidt (medienkünstlerische Begleitung) zu einer digitalen Geschichte wurde. Die Frauen steuerten Familienschnappschüsse bei, Landschaftsaufnahmen, Bilder aus ihrer persönlichen Vergangenheit und Gegenwart. Als Zuschauer hat man die Gelegenheit, zunächst rein emotional in die Geschichten einzusteigen, denn sie werden als Erstes mit dem Text in fremder Sprache gezeigt. Danach kommt die Verstandesebene hinzu, nun erklären sich Bilder und Inhalt.

Laila Koller, die das Projekt der Digitalen Geschichten bereits zum dritten Mal leitet, sieht auch eine politische Dimension der Arbeit. Man habe den "leisen Stimmen der Migrantinnen" Gehör verschaffen wollen, berichtet Koller. Dort, wo die Frauen einander zum Teil erstmals trafen, in den Stadtteiltreffpunkten "Frauenstärken im Quartier", gebe es ohnehin einen Austausch über das Thema Religion, fügte Evelyn Gierth vom Büro für Migration und Integration der Stadt Freiburg hinzu. Den eigenen Weg und die eigenen Erfahrungen öffentlich zu machen, sei mutig, waren sich alle einig, auch im Publikum.

Überhaupt scheint es ein Bedürfnis nach Austausch über die "Gretchenfrage" zu geben, auch das ergab die Diskussion nach der Präsentation der Digitalen Geschichten. Nun, in Freiburg leben rund 28 700 Menschen aus 162 Staaten zusammen – genug Möglichkeiten und Stoff für Debatten.

Autor: hoss