Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

30. September 2009

"Zwei Extremfiguren"

Ticket-Interview: Marcus Lobbes inszeniert die Strauss-Oper "Salome" in Freiburg

  1. Salome (Sigrun Schell), Jochanaan (Neal Schwantes) Foto: Korbel

  2. Marcus Lobbes Foto: Maurice Korbel

Das Theater Freiburg startet mit der Oscar-Wilde-Oper "Salome" von Richard Strauss in die Spielzeit. Es dirigiert Generalmusikdirektor Fabrice Bollon. Für die Inszenierung ist Marcus Lobbes zuständig, der in Freiburg bereits Verdis "Simon Boccanegra" auf die Bühne gebracht hat. Mit dem 1966 geborenen Regisseur sprach Johannes Adam.

Ticket: "Salome" ist ein Stück der Dekadenz. Wird man’s sehen?
Marcus Lobbes: Ich befürchte ja. Es ist nur eine Definitionsfrage, um welche Form der Dekadenz es sich handelt. Bestimmt nicht um die Fin-de-siècle-Dekadenz, die Oscar Wilde im Sinn hatte. Aber Dekadenz im Denken, Reden und Agieren ist bestimmt vorhanden.
Ticket: Salome, diese junge Frau, ist ein seltsames, kaltes Wesen. . .
Lobbes: Ist sie das wirklich? Sie hat viel Leben, Kraft und den Willen auszubrechen, Dinge in Frage zu stellen. Sie möchte andere Sachen sehen – auch die, die verboten sind. Kalt kann ich Salome nicht finden. Um sie herum sind die Menschen kalt. Sie ist voller Glut.
Ticket: Aber sie ist doch sehr ichbezogen.

Werbung

Lobbes: In dieser Oper ist das jeder. Die Struktur der Wortbeiträge läuft mehr nebeneinander her als aufeinander zu. Jeder behauptet seins. Und sie ihres. Salome tut das nur mit einer größeren Vehemenz.
Ticket: Liegt der Zündstoff im Kontrast zwischen Sinnlichkeit und Askese?
Lobbes: Der Zündstoff liegt in der Wiederholung der Zeitenwende. Der biblische Jochanaan prophezeit, dass es so nicht weitergehen wird. Seine Prophezeiung wird sich erfüllen und uns die nächsten Jahrtausende nicht in Ruhe lassen. Ähnlich war es bei Wilde: der Höhepunkt der Dekadenz, die kurz davor war zusammenzufallen. Die Brisanz liegt darin, dass viele Menschen heute das Gefühl haben, dass es wieder ähnlich ist. Da ist die Fragestellung grundsätzlich: Wie viel haben wir, und wie viel brauchen wir?
Ticket: Im Zentrum steht der Konflikt zwischen Salome und dem Propheten Jochanaan, diese unerfüllte Liebe. Wie wollen Sie das zeigen?
Lobbes: Das liegt in der Personenkonstellation begründet. Wie die zwei aufeinander zugehen oder es eben nicht tun, kann einen befremden. Über dieses Aufeinandertreffen erfahren wir den Konflikt.
Ticket: Jochanaan ist ein Asket, er ist unnahbar und strahlt Reinheit aus. Ist es letztlich das, was Salome berührt, also der Kontrast zu dem, was sie in ihrem Umfeld vorfindet?
Lobbes: Das könnte eine Lesart sein. Mich interessiert an den beiden, dass Jochanaan ähnlichen Fanatismus ausstrahlt. Drastisch sagt er: Ich weiß, dass das hier alles enden wird. Beide wollen aus ihren Verhältnissen heraus. Da ist die Anziehungskraft groß. Beide sind Extremfiguren.
Ticket: Reizt Salome als Verführerin nur das Spiel mit dem Feuer?
Lobbes: Salome sucht. Sie ist stark daran interessiert, was hinter diesen materiellen Werten steckt.
Ticket: Jochanaan ist ein Gegensatz zu den Schwächlingen wie Herodes und Narraboth. . .
Lobbes: Alles findet hier in dem von Herodes gesetzten Rahmen statt. Es ist fraglos ein hochgradig liberaler Zustand, den er pflegt.
Ticket: Der Wilde-Stoff ist eine psychologisch gefärbte Charakterstudie. Belässt Strauss dies so?
Lobbes: Strauss hat stark versucht, die Psychologie ins Orchester bringen. Die Oper ist ja relativ kurz, und Strauss vertraut dem Effekt.
Ticket: Die sprachlichen Charaktere sind isoliert, es gibt nur selten echte Dialoge. Wie kann da überhaupt Kommunikation stattfinden? Oder unterbleibt die realiter?
Lobbes: Die unterbleibt. Man spürt es im Orchester. Immer, wenn ein anderer spricht, ändert sich die Klangfarbe. An der Struktur der Musik merkt man, dass fast nur Behauptungen nebeneinander gestellt werden.
Ticket: Kann die Dekadenz dieser Oper medienversierte Menschen von heute noch schockieren?
Lobbes: Die ursprüngliche Dekadenz dieser Oper kann das heute bestimmt nicht mehr. Spannend ist immer, dass man echte Menschen sieht, die miteinander Konflikte austragen, zu denen man sich verhalten muss. Mitunter kann man darüber auch schockiert sein.
Ticket: Wem gehört in dieser Oper Ihre Sympathie?
Lobbes: Richard Strauss.

Termine: Freiburg, "Salome", Theater, Großes Haus, Premiere: Sa, 3. Okt., 19.30 Uhr; weitere Aufführungen: 8., 16., 21., 24. Okt., 14., 22., 29. Nov.

sowie 11., 13. und 18. Dez.; Info:

BZ-Kartenservice Tel. 01805/556656

Autor: jad