Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. Juli 2012

Tom und die Spielplatzeltern

Jess Jochimsen und Gäste beim Freiburger ZMF.

  1. Lasst die Kinder zu mir kommen: Jess Jochimsen Foto: wolfgang Grabherr

Gut gelaunt ist dieser Mann ja immer. Bei seinem Auftritt im fast ausverkauften Spiegelzelt beim 30. Zelt-Musik-Festival war Jess Jochimsen derart aufgeräumt, dass man von einer rauschhaften Wirkung des Publikums ausgehen musste. Zwar ist dieser Comedian dankbaren Zuspruch gewöhnt: Doch eine solche Kulisse hat selbst der Verfasser des "Dosenmilchtraumas" nicht alle Tage. Entsprechend gerührt bedankte sich Jochimsen sogar bei seinen Nachbarn, dass sie gekommen waren, um – ja, was eigentlich – die Lesung, Performance, den Liederabend des Freiburger Kabarettisten und Schriftstellers zu erleben: Nebenbei handelte es sich um die Premiere seines im September erscheinenden Buchs "Krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?".

Es sind, wie der Titel vermuten lässt, Kindergeschichten. Das lange pubertierende Kind Jess ist vor elf Jahren Vater geworden: Und jetzt darf der Sohn das Kind sein, das Jochimsen gern gewesen wäre. "Mein Sohn Tom": So beginnt jede der unterhaltsamen Geschichten auf Axel-Hacke-Niveau, die mit Freude und Stolz (das Wort fällt verdächtig oft) eintauchen in den Alltag einer Vater-Sohn-Beziehung, die natürlich nichts zu tun hat mit dem ökologisch und politisch korrekten Getue der "Spielplatzeltern". Die Spielplatzeltern muten ihren Kleinen zu, auf öden Spielgeräten über Rindenmulch herumzuturnen, während sie sich mit anderen Spielplatzeltern über die wichtigen Dinge des Lebens austauschen. Also über aggressionsfreie Erziehung und gesunde Ernährung. Tom dagegen verdreht Wörter und schmiert sich als Mumie mit Niveacreme ein, wirft sein Taschengeld in fremde Parkuhren und spielt Hänsel und Gretel mit einer Paketschnur: ein aufgewecktes und kreatives Kind eben, das wie alle Kinder erst Wurzeln braucht, um dann fliegen zu können, wie Goethe (nein, der doch nicht) oder der Prophet Khalil Gibran gesagt haben soll.

Werbung


Das Zelt freut sich bis zur Rührung, vor allem wenn Alexander Paeffgen gefühlvoll den Flügel bearbeitet und Christina Lux, Thomas Bauer und – vor allem – die stimmgewaltige Cécile Verny Kinderschlummerlieder singen. Ach, und der Chor am Ende war auch schön: "This Land is my Land". Da möchte man am liebsten gleich Kinder kriegen, wenn man nicht schon welche hat.

Autor: Bettina Schulte


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Kultur