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14. April 2010 00:01 Uhr

Verfall und Perfektion

Tomi Ungerers kanadische Jahre

Eine Sonderausstellung im Straßburger Museum Tomi Ungerer stellt dessen Zeit in Kanada in den Mittelpunkt. Gezeigt werden nachhaltige Bilder der Einsamkeit, die zwischen 1971 und 1975 entstanden.

Tomi Ungerers Figuren haben manchmal etwas Getriebenes, Manisches. Mit dem gleichen Furor muss er 1971 gemeinsam mit seiner Frau New York und das großstädtische Leben für einen Neubeginn an der kanadische Küste verlassen haben. Ungerer, in Straßburg geborener und bei Colmar aufgewachsener Elsässer, kehrte der amerikanischen Großstadt und den enorm produktiven und entwicklungsreichen Jahren zwischen 1957 bis 1971 den Rücken und machte sich auf nach Neuschottland. "Jetzt gab es die harten Drogen, das ganze Geld der Presse wurde ins Fernsehen gesteckt. Und plötzlich hatte ich die Nase voll", erklärt Ungerer die Kehrtwendung in seinen Aufzeichnungen. Das Paar bezog ein Haus mit Land an der Küste und begann mehr oder wenig zufällig mit Landwirtschaft und Viehzucht. Der raue Landstrich, die bescheidenen Lebensverhältnisse der Bevölkerung in Lockeport an der atlantischen Südküste gaben den Rahmen ab für das Entstehen zweier Zeichnungsbände, die allerdings erst 1983 erschienen sind.

Ungerers Arbeiten für und aus "Heute hier...morgen fort" und "Slow Agony" stehen im Mittelpunkt einer Ausstellung im Straßburger Museum Tomi Ungerer – Internationales Zentrum für Illustration. Zu sehen ist nicht der Zeichner, der politische Verhältnisse mit beißender Kritik auf Plakate bannt, nicht der verspielt hintersinnige Illustrator der Kinderbücher und auch nicht der laut Provozierende der erotischen Zeichnungen.

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Lebensnotizen, Anekdotisches, Skizzen und kolorierte Studien von Fischadlern und Kormoranen, Schlachtszenen, weite Blicke über die Küste und verfallende Häuser, großformatige amerikanische Autos gehen im Blick des Künstlers für das Morbide auf. Tomi Ungerer erzeugt, gerade weil er die Banalität des Alltags zwischen Holzhausruinen mit knappen Strichen und einer Mischtechnik aus Chinatusche, Ölkreide und Farbtinten festhält, großartige, nachhaltige Bilder der Einsamkeit. Soweit auf den gezeigten Arbeiten überhaupt Menschen zu sehen sind, haben sie gegerbte Gesichter. Eindrücklich auch das Bild eines Schützen. Als die Ungerers damals an ihrem neuen Domizil eintrafen, trugen die Bewohner der kargen neuschottischen Landschaft gerne Waffen. Was auf überschaubarem Raum mit auch bislang unveröffentlichten Arbeiten aus den umfangreichen Beständen des Museums zu sehen ist – insgesamt handelt es sich um 100 Arbeiten der kanadischen Periode – gleicht einer konzentrierten Innensicht.

Was die Zeichnungen der Jahre 1971-1975 so reizvoll macht, ist das Nebeneinander von Verfall und Perfektion "in der weißen Leere" des Blattes. Ungerer beobachtet diese Welt mit gewohnter Schärfe. Den besonderen Effekt im Stil eines plakativen Hyperrealismus erzielte er, indem er eigene Fotografien den graphischen Arbeiten zugrunde legte. Neuschottland war nicht nur arm, das gesellschaftliche Leben war auch stark von religiösen Sekten geprägt. Den Zeichnungen in "Slow Agony" stellte Ungerer Baptisten-Lieder zur Seite. "Es sind Lieder von christlichen Extremisten", lautete sein Kommentar. "Es ist nicht black gospel, sondern white gospel."

Doch die kanadischen Jahre haben bald ein Ende. Ungerer und seine Frau wanderten im Frühjahr 1976 nach Irland aus. Es bleiben die gezeichneten Zeugnisse Tomi Ungerers voller Melancholie und Schärfe.
– Tomi Ungerers kanadische Jahre 1971-75, 2 avenue de la Marseillaise, Straßburg, Tel. 00 33 3 69 06 37 27; Bis 1. August, Mo, Mi, Do, Fr 12 bis 18 Uhr, Sa und So 10 bis 18 Uhr. Für die Dauer der Ausstellung ist das filmische Porträt "Landleben" von Percy Adlon über Ungerer aus dem Jahr 1974 zu sehen.

Autor: Bärbel Nückles