Torte, Liebe, Zähneputzen

Christine Adam

Von Christine Adam

Mi, 05. September 2018

Klassik

Die Eröffnung der Ensemble-Akademie von Freiburger Barockorchester und ensemble recherche.

Wie die "Königin der Torten, die gute alte Schwarzwälder Kirschtorte" sei "Talea". Klaus Steffes-Holländer, Pianist beim ensemble recherche, verglich das 1985/86 entstandene Opus des Franzosen Gérard Grisey jetzt mit dem sahnigen Süßwerk. Zunächst sind im Quintett die Verhältnisse überschaubar: Skalen in Auf- und Abwärtsbewegung, rasch oder vorsichtig tastend agieren Flöte und Klarinette, Geige und Cello zumeist als Duos. Klänge wie Lichtstrahlen, die in einem Prisma gebrochen werden – oder wie die beliebte Torte, die zwar mächtig wirke, deren Schichten aber luftig bleiben müssten, so der Pianist. Dessen düstere Tastentriolen die Peripetie dieser Spektralkomposition markieren. Nun Irritation, Dissens bei den Farben. Das Klavier gliedert die Zeit. Beim Eröffnungskonzert der Ensemble-Akademie im Freiburger Ensemblehaus erklang eine exemplarische Deutung dieses Klassikers der Neuen Musik.

Die "Recherches" und das Freiburger Barockorchester (FBO): Diese Spitzenmusiker sind Kenner ihrer Artikulationsweisen und Spezialisten ihrer Aufführungspraktiken. Könner waren auch die Instrumentalisten der Vingt-quatre Violons du Roi, dem Streichorchester des französischen Königs. Die FBO-Leute um Gottfried von der Goltz präsentierten "Les Caractères de la Dance", ein kurzweiliges höfisches Ballett aus der Feder des barocken Pariser Geigers und Hofkomponisten Jean-Féry Rebel. Die Tänze der Suite sind menschlichen Charakteren zugeordnet, wie FBO-Cembalist Torsten Johann erläuterte. Die "Musette" evoziert mit Oboe (Katharina Arfken) und orchestralen Bordunklängen ein Schäferidyll. Beim Schlusssatz, einer Sonate, kulminiert der virtuose Streichersatz im Tremolo.

Höfisches Entertainment, ziemlich sophisticated, ist John Blows wohl 1681 uraufgeführtes Maskenspiel "Venus and Adonis", die älteste überlieferte englische Oper. Anspielungen auf lockere Sitten beim König inklusive, wurde doch die Venus von einer Mätresse verkörpert, Cupido von deren Tochter. Das FBO ließ den jungen Liebesgott leichtfüßig daherkommen, das männliche Dominanzgebaren des Jägers wurde durch kräftige Punktierungen rhythmisch vermittelt, die Streicher fungierten da als Hörner. Annette Schmidts Bratsche stimmte das Lamento über den bei einem Jagdunfall tödlich verletzten Adonis an. Die große Flexibilität, mit der das FBO die rasch wechselnden Affekte dieser Suite plastisch werden ließ, die schlackenfreie Klarheit seines hellen Klangbildes: All das zeigte erneut die Klasse dieser Formation. Ein besonderes Lob sei der Continuogruppe gezollt.

Zurück zu den Anfängen, zum Körper als erstem Instrument des Menschen, geht Robin Hoffmann bei "An-Sprache". Kindliche Entdeckerfreude ist nützlich. Schädel oder Brustkorb werden als Resonanzkörper geschlagen, der Artikulationsapparat von außen beklopft, von innen zur Erheiterung des Publikums mit Zahnpizzicato bespielt. Christian Dierstein, der das Werk 2001 uraufgeführt hat, begrüßte während der Interpretation Publikum und Teilnehmer der Meisterklassen. Die Body-Percussion wird zur Programmmusik, wenn die Zähne per Finger geputzt werden. Körpermusik mit Scherzocharakter.

Abschlusskonzerte: 7. und 8. September, jeweils 20 Uhr, Ensemblehaus, Freiburg.