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25. Februar 2013

Triumphale Selbstbehauptungen

Gilles Vonsattel spielte französische Musik im Burghof Lörrach.

  1. Gilles Vonsattel Foto: ZvG

Kompositionen von Claude Debussy, Francis Poulenc, Maurice Ravel und Arthur Honegger: das Rezital des jungen Pianisten Gilles Vonsattel, das er am Freitag im Burghof spielte, verband sein persönliches Bekenntnis mit einer musikgeschichtlichen Lehrstunde. Heute ist weitestgehend vergessen, wie schwer es die oben genannten Komponisten, allen voran Debussy, hatten, als musiciens français anerkannt zu werden. Debussy beklagte sich: "Es ist eine einzigartige Ironie, dass das (Pariser) Publikum, das nach Neuem verlangt, sich jedes Mal ereifert und lustig macht, wenn man versucht, es aus seinen Gewohnheiten und liebgewordenem Wohlbefinden zu locken."

Wie sah es im musikalischen Paris im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus? Die Oper beherrschten Meyerbeer, Auber, Rossini, Donizetti, Hallévy, Adam, und die Konzertsäle Beethoven, Mozart, Schumann, gelegentlich Mendelssohn. Musique français? N’existe pas! Was war zu tun? Noch einmal O-Ton Debussy: "Vor allem habe ich versucht, wieder Franzose zu werden. Die Franzosen vergessen allzu gern Klarheit und Eleganz, Eigenschaften die ihrem Wesen entsprechen, und lassen sich von deutschen Längen und "Tiefen" (lourdeurs) beeinflussen ... Französische Musik, das ist: Klarheit, Eleganz, einfache und natürliche Deklamation. Die französische Musik will vor allem erfreuen. Couperin, Rameau sind wahre Franzosen."

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Die Stichwörter sind gefallen, an denen Vonsattels Interpretationen zu messen sind, und dass aus ihnen ein großer Klavierabend wurde, lag vor allem an seinem subtil-variablen Anschlagsspiel, das wiederum das Resultat zum einen seiner stupenden Technik und zum andern seiner profunden Einsichten und Kenntnisse in das Wesen der jeweiligen Komposition ist. Er weiß, dass der Steinway in Debussys "Images" anders klingen muss als in Ravels "Gaspard de la nuit", dass aber in beiden Musiken die clarté und die élégance als unverzichtbare Stilelemente hörbar werden müssen. Und er weiß, dass beide aus dem Innern eines Menschen kommen müssen. Um das auszuspielen, bedient er sich eines alten "Tricks": Er nimmt sich zurück. Konkret gesagt, er wagt ein Piano- bis Pianissimospiel, das die Musik, etwa in Debussys "Hommage à Rameau" und "Et la lune ...", in einen privaten, fast geflüsterten inneren Monolog verwandelt. Und dank dieses Anschlagsspiels werden Debussys "Reflets dans l’eau" wie von einer Harfe gespielt zur melancholischen Verträumtheit und Ravels verwandte "Ondine" in der rechten Hand zum kühl flirrenden tönenden Pointillismus. Debussy und Ravel oder clarté et élégance als triumphale Selbstbehauptung der musique français..

Und noch etwas: Vonsattel bleibt auch da der glaubwürdige "Rhapsode", wo die Musik einfacher und gröber strukturiert ist wie in Poulencs "Les soirées de Nazelles" von 1930-36. Wieder profitiert er von seinem Anschlagsspiel, das ihm Forte und Fortissimi erlaubt, ohne dass der Steinway dröhnt. Dergleichen glückt nur wirklich sehr guten, ja großen Pianisten. Freundlicher, doch nicht überschwänglicher Schlussbeifall. Eine Bagatelle Beethovens als verinnerlichte erste, und ein wilder Liszt als extrovertierte zweite Zugabe.

Autor: Nikolaus Cybinski