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15. Juli 2017

Unheilvolle Unwucht

Die Immoralisten spielen Henrik Ibsens Ehedrama "Nora" als Open Air in Freiburg.

  1. Da sind sie noch Beherrscher und Singvögelchen: Lisa-Lena Tritscher und Jochen Kruß Foto: Manuel Kreitmeier

Vor zwei Jahren schon war man bei den Reichen und Schönen zu Gast, als die Immoralisten F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" als Open Air vor ihr Theater im Freiburger Stühlinger platzierten. Das Bühnenbild von Ibsens Ehedrama "Nora oder ein Puppenheim", das Manuel Kreitmeier in diesem Sommer inszeniert, erinnert daran. Auch hier eine Terrasse mit Pool, knallige Sommerfarben, ein Prospekt, der wie ein David Hockney-Gemälde aussieht. Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen (1828–1906) würde sich angesichts des fröhlichen Settings (Kreitmeier, Markus Wassmer, Sebastian Ridder) wohl die Augen reiben: Die Immoralisten setzen sein 1879 uraufgeführtes Werk, das um Weihnachten spielt, ins sonnige Kalifornien.

Torvald Helmer muss sich ans Reich-und-schön-sein noch gewöhnen: Er ist gerade erst zum Bankdirektor aufgestiegen, muss den Körper noch trainieren. Nora, sein konsumfreudiges Frauchen, fläzt sich zum Sound von "Girls just want to have Fun" schon gekonnt in den grünen Liegestuhl. Halt: Frauchen? Jochen Kruß trägt zwar eine Art Bikini unterm rosafarbenen Bademantel, aber er ist doch eindeutig als Mann zu erkennen. Das ist der Clou dieser temporeichen Inszenierung: Kreitmeier hat das Ehepaar Helmer gegengeschlechtlich besetzt. Und so tritt Lisa-Lena Tritscher, aus Wien zur Immoralisten-Familie hinzugestoßen, raumgreifend und selbstbewusst ihrem "Singvögelein, Eichhörnchen und Leckermäulchen" entgegen.

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Die Verwandlungen funktionieren bei der Premiere ganz wunderbar – was zuallererst der hochdifferenzierten Spielweise von Kruß und Tritscher zu verdanken ist. Vor allem Jochen Kruß nimmt diese Nora unter seine Haut – mit Mimik, Gestik und Bewegungen. Das ist zunächst rasend komisch, aber zusehends merkt der Zuschauer, wie ernst, ja tragisch der gesellschaftskritische Ibsen seine Charaktere sah: Helmer ist nicht nur Beschützer seiner Frau, er ist ihr Bewacher, ihr Bestimmer. Nora lässt sich als gehorsames, oberflächliches Weibchen behandeln, zieht aber aus der Gewissheit, ihrem Mann durch ein Darlehn beim windigen Anwalt Krogstad das Leben gerettet zu haben, eine heimliche Stärke.

Diese unheilvolle Unwucht in der Ehe, die auf Machtbehauptung und Opferhaltung fußt, wird durch die Umbesetzung der beiden Rollen geradezu exemplarisch herausgearbeitet. Denn es ist für eine heutige Betrachtung von Ibsens Drama vollkommen unerheblich, welche Rolle der Mann und welche die Frau einnimmt: Fehlende Balance in einer Ehe sorgt dafür, dass darin nicht Erfüllung und Liebe gelebt werden können, sondern Dominanz und Unterwerfung. Fast überflüssig zu sagen, dass dieses Muster nicht nur für Ehen gilt – sondern für alle Arten von Beziehung; zu allen Zeiten!

Verena Huber als Noras Freundin Christine Linde, Uli Winterhager als todkranker Hausfreund Doktor Rank und Florian Wetter als verkorkster Anwalt Krogstad vervollständigen das famose Ensemble dieser bis ins Detail liebevoll erarbeiteten Inszenierung. Noch ein Beispiel dafür: Wetters Krogstad "leiht" sich die Namen seiner Kinder Biff und Happy bei einem anderen tragischen Antihelden des Theaters, bei Arthur Millers Handlungsreisendem Willy Loman. Dieser freilich sah einen Ausweg aus einem unglücklichen Leben nur im Suizid; Nora glücklicherweise emanzipiert sich nach acht Jahren Ehe von Helmer und macht sich – nun in Jeans und T-Shirt – auf die Suche nach "dem Wunderbaren". Begeisterter Applaus.

Weitere Termine bis 9. September. http://www.immoralisten.de

Autor: Heidi Ossenberg