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10. Juli 2012 00:55 Uhr

Multinationale Klangmassen

Uraufführung von Pachners "Ludus Danielis" in Freiburg

Bei rund 280 Mitwirkenden ist im gut besuchten Freiburger Konzerthaus nicht mehr viel Platz auf der Spielbühne, die vor dem Orchester aufgebaut ist. Szenisch gelangt Rainer Pachners Oratorium "Ludus Danielis" zur Uraufführung.

  1. Mysterienspiel: eine Tanzgruppe aus Isfahan beim „Ludus Danielis“ im Konzerthaus Freiburg Foto: bamberger

Das Konzert der Partnerstädte vereint Musiker aus Freiburg, Padua, Granada und auch Tel Aviv, Profis und Laien, die Tanzgruppe aus Isfahan nicht zu vergessen. Der Komponist ist zugleich der Dirigent: Er führt die Chormassen kompetent, die Balance stimmt, das Orchester mit Musikern der Musikhochschule und des Berthold-Gymnasiums überzeugt mit sauberer Intonation, die zur Charakterisierung der Figuren eingesetzten Hörner und das Saxophon (Max Fleck) erklingen makellos.

Im Bühnengeschehen bleibt der religionsübergreifende Gedanke vage. Die Regisseurin Ingeborg Waldherr hat ihr szenisches Konzept im Programmheft dargelegt – auf der Bühne findet man ihre Deutung kaum wieder. Manches erinnert an großdimensioniertes (und gelingendes) Schultheater. Gut ist etwa der Einfall, das Menetekel pantomimisch (Nina Weiland) in die Luft schreiben zu lassen.

Das mittelalterliche Mysterienspiel "Ludus Danielis" hat Pachner handwerklich auf hohem Niveau neu vertont. Die Vorlage wird nicht verpoppt oder verkitscht, vielmehr bewahrt er die herbe Strenge des gregorianischen Duktus. Daran rütteln auch die seltenen Rockbeats nicht; völlig aus dem Rahmen fällt der zugespielte Dance-Track, zu dem die Mädchentanzgruppe die Bühne füllt. Ein wenig mehr dramatischer Zug hätte der Vertonung gutgetan. Pachner hat den Stoff gleichsam historisierend aktualisiert. Damit mag nicht jeder gerechnet haben, die Publikumsreaktion vor der Pause deutete nicht auf Begeisterung hin; der Schlussapplaus zum ehrbaren Projekt fällt jedoch tosend aus. Als Bezüge sind Orffs "Carmina Burana" auszumachen, deren pralle Vitalität gelegentlich anklingt, und insbesondere Strawinskys Opern-Oratorium "Oedipus Rex" – nicht zuletzt wegen des Sprechers, der hier wie ein Conférencier durch die Geschichte führt. Musiklehrer Andreas Mock löst die Aufgabe souverän, klopft dem König auf die Schulter, plaudert mit Daniel. Er ist zu einem begeisterten Spiel angehalten, das im Verhältnis zum eher statuarischen Geschehen aufgesetzt, wenn nicht aufdringlich wirkt.

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Die Solisten überzeugen: Merav Barnea mit ihrem vibratogesättigtem, ausdrucks starkem Sopran als sinnliche Königin, Gabriele Sagona mit markantem Bass als Belsazar und Darius; Bernhard Gärtner verleiht der Titelfigur Leidenskraft und tenorale Wärme.

Autor: Dennis Roth