Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. Februar 2009

Vereint in der Frage nach den Befindlichkeiten

Zwei Jahre nach dem Hype durch die französischen Medien: Wo steht der deutsche Film, was zeichnet ihn aus? Eine Rückblende auf die Berlinale

  1. Humaner Patriarch: Ulrich Tukur als „John Rabe“ Foto: berlinale

Vor zwei Jahren war alles einfach. Da sonnte sich der deutsche Film mitten im Februar in dem Glanz, mit dem die französischen Medien ihn ausstatteten. Die Cineasten an der Seine hatten die "Berliner Schule" entdeckt, deren neue Filmästhetik – Schlichtheit und genaue Beobachtung alltäglicher Figuren – den deutschen Filmen auf dem Berlinale-Teppich zu jubelnden Auftritten verhalf. Der Hype hat sich gelegt, der deutsche Film ist vom Podest in diverse Sektionsnischen abgetaucht und zeichnete sich in diesem Jahr eher durch starke Diversität in den Themen und Stilen aus.

Dazu zwei Extreme: "Dorfpunks" von Lars Jessen – und Florian Gallenbergers "John Rabe". Am ersten, in der Sektion "Perspektive deutsches Kino" gestarteten Film ist alles klein und bescheiden – außer natürlich der radikale Verweigerungsgestus der titelgebenden Punks – am zweiten, Berlinale-Special-Beitrag, hingegen ist alles groß. Lars Jessen vermittelt mit seinen jugendlich ungestümen Darstellern in atmosphärisch starken Szenen das Lebensgefühl einer Gruppe von Punks in den 80er Jahren, die in einem Ostseekaff vom großen Gig, von Freiheit und Revolution träumen. Ein pulsierender Film, der in seinen besten Momenten an die musiktrunkene Melancholie von Sebastian Schippers "Absolute Giganten" erinnert und dem man, weil er nicht für oder über Jugendliche gemacht ist, sondern unmittelbar von ihnen erzählt, unbedingt einen Verleih wünscht.

Werbung


Um Popularität muss Gallenbergers "John Rabe" sich nicht sorgen. Der Film ist eine Heldengeschichte, wie das Publikum sie liebt – und zugleich verdienstvoll, weil er das Leben und Wirken einer historisch einzigartigen Person aufrollt: John Rabe, in Deutschland erst durch Erscheinen seiner Tagebücher in den 90er Jahren ins öffentliche Bewusstsein getreten, wird in China schon seit seiner spektakulären Aktionen während des zweiten japanisch-chinesischen Krieges,1937, als eine Art chinesischer Oskar Schindler verehrt. Diesen Rabe hebt Gallenberger wirkungsmächtig auf die Leinwand – dank einer emotionssatten Dramaturgie, mehr noch aber durch einen großartigen Ulrich Tukur in der Rolle des autoritären und zugleich tief humanen Patriarchen Rabe. Der Film ist ein gelungenes Beispiel für die Vermittlung historischer Prozesse auf der Leinwand – auch wenn Rabe zwischendurch etwas zu sehr zum Gutmenschen in Nazi-Uniform stilisiert wird.

Hier also nietenbewehrte Jungs und propere Backsteinhäuschen in Schmalenstedter Alltäglichkeit – dort Wirtschaftsmächte und Kriege, die große Welt mit Kaisern, Diplomaten und Heroen. Die unspektakulären, dabei teils nicht unspannenden, deutschen Filme finden sich in Sektionen wie "Forum", "Panorama" und "Perspektive Deutsches Kino". Letztere ist traditionell die Bühne für Nachwuchs-filme, die Sektionsleiter Alfred Holighaus auch in diesem Jahr als "gut aufgestellt" bezeichnete. Tatsächlich aber hat die Sektion aktuell bei der Auswahl der Filme wohl gegenüber dem zeitlich benachbarten Max-Ophüls-Festival den Kürzeren gezogen: Viele Beiträge ließen, direkt aus aus den Filmhochschulseminaren – etliche darunter aus Ludwigsburg – kommend, zwar eindringliches Bemühen, aber auch nicht viel mehr erkennen.

Eine angenehme Überraschung waren in diesem Jahr wieder die Dokumentarfilme; darunter als Highlight "Endstation der Sehnsüchte", die neue, als "Heimatfilm" präsentierte Doku von Max-Ophüls-Preisträgerin Sung-Hyung Cho ("Full Metal Village"): Über 30 Jahre haben die drei Ehepaare, die sie porträtiert, in Deutschland gelebt – nun sind die Männer ihren koreanischen Frauen zurück in deren Heimat gefolgt, in ein "deutsches Dorf" direkt am Meer – ein skurriler Ort, schon architektonisch, an dem Ludwig, Armin und Willi ein sehr spezielles Rentner-Leben führen. Sung-Hyung Cho hat die Gabe, Menschen das Vertrauen zum zutraulichen Erzählen zu vermitteln – und die Kamera so lange laufen zu lassen, dass sie immer wieder sprechende Szenen und Details einfängt, die ihren neuen Film zu einer heiteren und zugleich nachdenkenswerten Studie über Fremdheit und Gemeinschaft, Geschlechterverhältnisse, Ehe und Liebe machen.

Nicht eine gemeinsame Ästhetik, sondern eine gemeinsame Frage ist es, die den deutschen Film auf dieser Berlinale einte: die Frage nach Befindlichkeiten, dem Lebensgefühl von Paaren und Singles, 30- und 70-Jährigen, Gewinnern und Verlierern. Offenbar eine Frage, die den Deutschen insgesamt, bedenkt man das starke mediale Echo auf den schwachen Gemeinschaftsfilm zur Lage der Nation im Wettbewerb, mächtig unter den Nägeln brennt.

Autor: Gabriele Michel