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16. April 2010
Verschmelzende Formen
"Motion Emotion" im Lörracher Burghof.
Von Steve Reich bis Johann Sebastian Bach könnte die musikalische Spanne kaum größer sein. Dazu tänzerische Bewegungskunst und mal sparsame, mal raumfüllende Lichteffekte. Es war ein ungewöhnliches und spannendes Projekt, das als fünfte Folge der Burghof-Reihe "Illuminationen" am Mittwochabend vor gut 40 Besuchern aufgeführt wurde, eine Mixtur verschiedener Kunstrichtungen, elegant verwoben zu einem Ereignis, das mehrere Sinne zugleich ansprach. "Motion Emotion" lautete der Titel der Aufführung, die der Frage nachging, wie sich Bewegung und Empfindung beeinflussen, inwieweit Musik und Tanz einander gegenseitig prägen und damit Empfindungen Zuhörern und Betrachtern auslösen.
Diese haben es sich in dem mit locker postierten Sitzmöbeln, Sofas und Sitzkisten möblierten Veranstaltungsraum gemütlich gemacht, der mit Schokoladen-Marienkäfern und Rosen, die in den Fugen des Holzfußbodens stecken, dekoriert ist. Im völlig abgedunkelten Raum schweben lautlos und bedächtig vier Leuchtdioden über die Bühne. Dann kommt Helena Winkelmann mit ihrer Violine ins Spiel. Betörend und voll mitreißender Kraft interpretiert sie Steve Reichs "Violin Phase", die sich in ihrer minimalistischen Wiederholungssucht in die Gehörgänge, Gehirne und Gefühle der Zuhörer schneidet, während auf der großflächigen Videoprojektion im Hintergrund sich bunte Lichtfäden zu einem Gemälde verweben, gestaltet von Samy Kramer. Stille und tanzende Leuchtdioden, dann Bach: Der Schritt von der Minimal Music zum Barock nimmt sich weniger gewaltig aus, als erwartet, denn die Partita für Violine Solo in E-Dur besticht durch ihre rhythmische Lebhaftigkeit.
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Von kunstvoller Beleuchtung zurück in die Finsternis: Jetzt sind es sechs Leuchtdioden, die über die Bühne schweben. In freier Improvisation finden nun die schweizerische Geigerin Helena Winkelmann und die Bewegungskünstler Stephen Morallee und Neil Seligman aus London zueinander. Während die Geigerin mit großer Virtuosität und Eleganz spielt, zelebrieren die Männer ein Schauspiel zaghafter Annäherung und Abstoßung und kultivierter Leidenschaft.
Erneut reibt sich Zeitgenössisches am Barock: Auf eine Komposition für Violine Solo von Luciano Berio folgt ein Thema von Bach, das Ausgangspunkt ist für freie Improvisationen, für ein Miteinander von Musik und Bewegung, für ein Verschmelzen unterschiedlicher künstlerischer Ausdrucksformen. Am Ende der Aufführung geht es hinab in die Hölle: Der achte Akt des Programms besteht aus einer Eigenkomposition von Helena Winkelmann für Solo Violine und Elektronik, mit der sie den fünften Gesang des Infernos aus Dantes Göttlicher Komödie vertonte. Er kann als Symbiose des Vorangegangenen gelten, als Zusammenführung der Gegensätze von minimalistischer Kargheit und barocker Fülle mit seinem durch elektronische Mittel verdoppelten und verfremdeten Klang der Geige. Eine faszinierende Reise durch Bewegung und Musik, bei der Vorgegebenes oft nur den Ausgangspunkt für assoziative Improvisationen gab.
Autor: Thomas Loisl Mink
