Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Januar 2013

Vom Fliegen und Abstürzen

Freiburg: Das SWR-Orchester gibt sich jugendlich.

"Limited approximations", begrenzte Annäherungen, heißt das großartige, bei den Donaueschinger Musiktagen 2010 uraufgeführte Konzert für sechs im Zwölfteltonabstand gestimmte Klaviere und Orchester von Georg Friedrich Haas. Begrenzte – mehr gescheiterte – Annäherungen könnte man als Überschrift wählen zu einem missglückten Konzept des SWR-Sinfonieorchesters, klassische Musik mittels Poetry Slam und Livekameras einem jungen Publikum näher zu bringen. Sie wolle das Freiburger Konzerthaus in Punk versetzen, hatte Sophie Passmann ("Ich habe Musik in der Schule abgewählt") in der überfüllten Werkeinführung den Besuchern versprochen. Aber will man das? Klassische Musik ist kein Punk. Sie hat ihre eigenen Gesetze, bedarf anderen Zuhörens. Auch wenn Richard Wagner die siebte Sinfonie von Beethoven als "Apotheose des Tanzes" bezeichnet hat – Pogo war nicht gemeint.

Wie existenziell Musik gerade ohne Worte wirken kann, spürt zumindest ein Großteil des Publikums, als der letzte Ton von Haas’ unerhörtem Meisterwerk verklungen ist – und nach der Stille der Applaus einsetzt. Schon nach dem ersten Abtritt von Dirigent François-Xavier Roth wird die 19-jährige Moderatorin auf die Bühne geschickt, während der Beifall an Intensität zunimmt. Keiner möchte jetzt reden, sondern einfach seinen Emotionen freien Lauf lassen, die dieses unglaubliche, vom SWR-Sinfonieorchester und den sechs Pianistinnen und Pianisten (Klaus Steffes-Holländer, Pi-Hsien Chen, Florian Hoelscher, Julia Vogelsänger, Akiko Okabe, Christoph Grund) intensiv gespielte Werk auslöste.

Werbung


Die Musik darf nicht zerredet werden

Diese Musik braucht Zeit, um zu erklingen, und es braucht Zeit, das Gehörte nachklingen zu lassen. Solch ein kostbarer Eindruck darf nicht zerredet werden mit aufgeregtem, weitgehend sinnfreiem, geradezu erschütternd ahnungslosem Gequatsche. Das hätten die Programmplaner wissen müssen. Was bleibt, ist die Erinnerung an eine Musik, die fliegen kann und abstürzen, die Wellen in Gang setzt und immer wieder kulminiert. Der Komponist versetzt die sechs wie ein Fächer angeordneten Konzertflügel und das Orchester in eine Art Dauertremolo. Überall setzen Triller und Repetitionen die Klänge in Bewegung. Man verliert den Boden unter den Füßen in diesen sinnlichen Clustern, geheimnisvollen Glissandi und klanglichen Tsunamiwellen, in denen die vier Posaunen die Gischt spritzen lassen. Alles fließt organisch ineinander – und entfaltet eine Sogwirkung, von der man sich gerne mitreißen lässt.

Beethovens siebte Symphonie lässt in der Interpretation des SWR-Sinfonieorchester unter der Leitung ihres gesundheitlich angeschlagenen Chefdirigenten François-Xavier Roth ebenfalls enorme Energien frei. Die punktierten Rhythmen der beiden Außensätze werden durch die harten Schläge der Pauke regelrecht gemeißelt, die Motorik des dritten Satzes gelingt eindrucksvoll. Insgesamt fehlt aber dieser hochdramatischen, klanglich forcierten Lesart die Differenzierung. Das Fugato im zweiten Satz verliert durch das gesunde Mezzoforte (statt Pianissimo) der Streicher sein Geheimnis, die Trompeten sind im Forte viel zu grell. Es gibt zu viele Höhepunkte, was die Gesamtarchitektur verunklart. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Autor: Georg Rudiger