Vom Traum, ganze Welten zu erschaffen

Barbara Munker

Von Barbara Munker (dpa)

Mi, 29. November 2017

Kino

Am Donnerstag wird der britische Regisseur Ridley Scott 80 Jahre alt / Aus seinem aktuellen Film lässt er gerade Kevin Spacey herausschneiden.

Seinen neuesten Spielfilm "Alles Geld der Welt" hatte Regisseur Ridley Scott schon vor vielen Wochen fertig geschnitten. Die Promotour für das Entführungsdrama war geplant, der Starttermin in den US-Kinos auf den 22. Dezember festgelegt. Dann wurden Ende Oktober massive Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den Schauspieler Kevin Spacey laut – und Scott griff zu radikalen Maßnahmen. Der Regisseur, der am Donnerstag 80 Jahre alt wird, schneidet derzeit alle Szenen mit Spacey als Ölmilliardär Getty raus und lässt sie von Christopher Plummer nachdrehen – mit dem Ziel, am 22. Dezember den Film in die Kinos zu bringen.

Es ist Scott zu wünschen, dass das klappt, damit der Film es noch in den Oscar-Wettbewerb schaffen kann. Vielleicht springt dann endlich ein Oscar für den gebürtigen Briten heraus. Drei Mal war Scott in der Sparte Bester Regisseur schon nominiert: 1992 für sein Roadmovie "Thelma und Louise" über zwei starke Frauen, die einen Vergewaltiger erschießen und von der Polizei gejagt werden. 2001 für das bildgewaltige Epos "Gladiator", 2002 für den Kriegsthriller "Black Hawk Down" über den US-Militäreinsatz in Somalia. Noch hat er keinen goldenen Mann gewonnen, aber er kann sich mit fünf "Gladiator"-Oscars trösten, darunter als bester Film des Jahres und für den Hauptdarsteller Russell Crowe, der zu Scotts bevorzugtem Star avancierte.

Mit 80 Jahren denkt Scott noch lange nicht an den Ruhestand. "Ich denke immer darüber nach, was ich als Nächstes mache", sagte er gegenüber Vanity Fair. Zwei Filme stehen schon auf seiner Liste: Das Kriegsdrama "Battle of Britain" dreht sich um Hitlers Eroberungspläne in England im Sommer 1940, als die Luftwaffe einen massiven Angriff auf London startete. Geplant ist auch eine Fortsetzung zu "Alien: Covenant", erst im Mai hatte sein jüngstes Science-Fiction-Spektakel und Alien-Gemetzel mit Michael Fassbender an den Kinokassen abgeräumt.

Auch bei "Blade Runner 2049" mischte Scott in diesem Jahr mit, allerdings nur als ausführender Produzent, Regie führte der Kanadier Denis Villeneuve. Der hatte mit Blick auf Scotts ikonischen Klassiker "Blade Runner" aus dem Jahr 1982 gleich die Erwartungen gedämpft. Sein Film würde immer mit Scotts Meisterwerk verglichen werden, sagte Villeneuve im Juni dem Hollywood Reporter.

Scott war auf Umwegen zum Kino gekommen. Nach dem Studium, unter anderem am Royal College of Arts in London, arbeitete er als Szenenbildner bei der BBC. Doch Kulissen waren ihm nie genug, er träumte davon, "ganze Welten zu erschaffen". Man vertraute ihm bald die Regie für Folgen verschiedener Fernsehserien an, bis er sich mit einer eigenen Produktionsfirma als Werbefilmer selbstständig machte. Nach etwa 2000 Werbespots gab er 1977 mit der Verfilmung einer Joseph Conrad-Erzählung ("Die Duellisten") sein Leinwanddebüt – beim Filmfestival in Cannes prompt mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet. Den internationalen Durchbruch schaffte Scott 1979 mit seinem düsteren Sci-Fi-Streifen "Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt". Ein opulenter Horrorschocker mit spektakulären Monstern und einem visuellen Stil, der mit einem Oscar für die besten Spezialeffekte gekrönt wurde.

Den zweifach geschiedenen Vater von drei Kindern, der 2003 von der Queen zum "Sir" geadelt wurde, zieht es aus Hollywood immer wieder in die Heimat zurück. Dort bannte er den wohl bekanntesten englischen Volkshelden auf die Leinwand. Für "Robin Hood" (2010) blieb er auch seinem Lieblingsstar Russell Crowe treu.