Vorgriff auf die Zauberflöte

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Di, 19. Juli 2011

Klassik

Der Motettenchor Lörrach und L’arpa festante München im Lörracher Burghof.

Ein Sonnentempel in einer Sonnenstadt, ein weiser Oberpriester, ein tugendhafter Held und zwei Liebende, die allerlei Widerstände überwinden müssen: Das hört sich verdächtig nach der "Zauberflöte" an. Tatsächlich klingt manches in Mozarts Schauspielmusik zu "Thamos, König in Ägypten" wie ein Vorgriff auf die spätere "Zauberflöte". Das im alten Ägypten spielende Drama des Freiherrn von Gebler ist zwar weitgehend in der Repertoire-Versenkung verschwunden, die Bühnenmusik Mozarts aber ist es allemal wert, ins strahlende (Bühnen-)Licht gesetzt zu werden. Das gelang dem prächtig singenden Motettenchor Lörrach, seinem hervorragenden Solistenquartett und dem auf historischen Instrumenten spielenden Barockorchester L’arpa festante München bei der konzertanten Aufführung im Burghof Lörrach aufs Vortrefflichste.

Ein ganz besonderer Chor und ein ganz besonderes Repertoire: Unter diesem Label des Außergewöhnlichen stand der neuerliche Auftritt des von Stephan Böllhoff dirigierten Motettenchors beim Festival "Stimmen". Mozarts Bühnenmusik zu "Thamos" hat erhebende, aber auch dramatische Chorszenen und orchestrale Zwischenaktmusiken. Entsprechend beweglich klingen Chorgesang und Orchesterspiel im Eröffnungschor "Schon weichet dir, Sonne" mit seinem freudigen Huldigungs-Charakter. Zwar sind in den breit angelegten Chorszenen keine expliziten Solopartien ausgewiesen, doch einzelne Gesänge der Priester und Sonnenjungfrauen waren geschickt auf die Vokalsolisten verteilt, teils in Duetten oder im Quartett.

Der Tenor Hans Jörg Mammel und der Bassist Markus Volpert trafen mit ihren fundierten Stimmen und kräftigem Timbre souverän das Erhaben-Weihevolle der Priester; die Sopranistin Claudia Götting bezauberte an der Stelle "sanfter Flöten Zauberklang" mit heller Sopranzier und Altistin Sibylle Kamphues fügte sich mit weicher Stimmfarbe homogen ein. Ein besonders markanter Satz war Volperts Solo des Oberpriesters "Ihr Kinder des Staubes, erzittert und bebet", wo sich seine Stimme beim "rächenden Donner" mit einigem Gewicht erhob und im Orchester tonmalerisch ein Zittern und Beben einsetzte. Auch der mehr als 60-köpfige Chor behauptete sich glänzend, etwa im Schlusschor "Wir Kinder des Staubes erzittern und beben".

Auch orchestral ging – bildlich gesehen – die Sonne auf, denn L’arpa festante spielte die fünf Zwischenaktmusiken derart lebendig, farbig, packend, ja schon sinfonisch, dass sie das dramatische Geschehen, die Kämpfe, Intrigen, Konflikte und Charaktere auch ohne Kostüme und Bühnenbild anschaulich darstellten. Ihr Spiel auf historischen Streich- und Blasinstrumenten klang farbenreichund prägnant akzentuiert. Da kam im Allegro vivace assai in der rhythmisch geschärften Streicherbewegung viel Dramatik ins Spiel.

Auch in Mendelssohn-Bartholdys "Die Erste Walpurgisnacht" nach einer Ballade von Goethe, beeindruckte das Orchester in der Ouvertüre mit stürmischem Spiel, das in der Art von Programmmusik die Rauheit des Winters beschreibt. Wie ein Frühlingserwachen ertönt der Bläserzauber und Klang der Naturhörner und Fagotte. Tenor Mammel kündet als Druide in "Es lacht der Mai!" die kultische Feier des Frühlings an. Auch Markus Volpert gestaltet seine Soli als Wächter und Druide mit geschmeidigem Timbre und Sibylle Kamphues bringt ihr Altsolo als Frau aus dem Volk mit der nötigen Behutsamkeit.

Der Motettenchor meistert die Anforderungen mit Bravour, von dem begeistert einfallenden "Die Flamme lodre" über den Frühlingsgesang, den Klang der Frauenstimmen und dem Pianissimo bis zum rhythmisch bewegten Chor der Wächter "Kommt mit Zacken und mit Gabeln": Dieser zentrale Satz entfesselt im Vokalen wie Instrumentalen ein "Höllenspektakel" mit Klappern und chromatischem Geheul. Der Chor singt diese Spukszene wirkungsvoll in den Rufen "Kommt!, Kommt!", angetrieben vom Orchester, das mit markanten Bläsereinsätzen, Holzflöten, Posaunen, Naturtrompeten, Pauke und Becken durchschlagend mithält in dieser "Walpurgisnacht".

Stephan Böllhoff, der umsichtig dirigiert, schafft einen Spannungsbogen bis zum Schlusschor, in dem sich Orchester und Chorstimmen zu großem Klangjubel erheben.