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08. August 2012

Was Dieter am Abend sah

"Heimweh nach Freiheit": Eine ungewöhnliche Sammlung bringt Hermann Hesse in einen Dialog mit zeitgenössischen Autoren.

  1. Hermann Hesse Foto: widmann

Dies ist ein ungewöhnliches Unternehmen. Eine andere Art der Würdigung. Zum 50. Todestag Hermann Hesses hat der in Freiburg lebende Musiker und Germanist J. Ulrich Binggeli Schriftsteller und Wissenschaftler aus dem alemannischen Sprachraum um eine Auseinandersetzung mit dem in Calw geborenen Dichter und Maler gebeten. Nicht allgemein, sondern mit einem seiner Texte. Die so entstandene vielstimmige Sammlung besitzt den unschätzbaren Vorteil, dass nicht über, sondern mit Hesse gesprochen wird: Zunächst sind seine eigenen, dann die sich auf diese beziehenden Texte seiner Nachfolger und Exegeten abgedruckt. Man kann bei der Lektüre selbsttätig den Bogen spannen zwischen dem – nennen wir ihn einmal so – Hesse-Sound und den zeitgenössischen Reaktionen auf ihn. Das macht die Annäherung an einen Schriftsteller, der von vielen bis heute keineswegs zu Unrecht als Lebenslehrer verstanden wird, zu einer lebendigen, durchaus auch kontrovers verhandelten Angelegenheit.

Die kritischen Stimmen allerdings sind in der Minderheit. Mehr Mut zur Hesse-Entlüftung hätte dem Band gut getan. So bleibt es dem in Berlin lebenden Berner Autor Matthias Zschokke und dem an der Universität Lausanne lehrenden Literaturwissenschaftler Peter Utz überlassen, ein Unbehagen gegenüber Hesses Predigerton zu äußern – und der Herausgeber empfand diese Beiträge offenbar als so gefährlich, dass er sie kommentieren musste: in Gestalt eines fingierten E-Mail-Verkehrs und eines Ceterum-Censeo-Postskriptums. Das ist schade. Denn es gibt nicht nur aus heutiger Sicht einiges einzuwenden gegen Hesses "süßliches Zeug", das womöglich nicht nur Zschokke mehrere Plomben gezogen hat. Auch wenn man es nicht so drastisch wie dieser formulieren muss: Das Rechthaben eines "Sonntagsschullehrers" in einem "leicht aufgedunsenen" Ton kann auf die Nerven gehen. Zschokkes Missbehagen entzündet sich an Hesses Prosastück "Eigensinn". Und er hat ja recht, wenn er – o je – an den "lieben Herrn Gesangsverein" schreibt: "Ich verlange nach eigensinniger Literatur, nicht nach Aufsätzen, in denen die Tugend des Eigensinns gelobt wird."

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Zum Glück finden sich genug eigensinnige Texte in dem Band. Sie stammen eher nicht von Hesse (mit Ausnahme der Satiren "Autorenabend" und "Doktor Knölges Ende"). Was Franz Hohler aus Hesses schwülstigem Märchen "Piktors Verwandlungen" gemacht hat ("Viktors Verwandlungen. 7 Folgen"), ist von einer herrlichen hintergründigen List; und wie Klaus Merz Hesses "Was der Dichter am Abend sah" in "Was Dieter am Abend sah" verwandelt, freut den nach lakonischer Schlichtheit lechzenden Leser sehr. Schön abgedreht Peter Webers Prosastück "Durchsicht" – und was Michel Mettler in Reaktion auf "Siddhartha" "Am Nabel der Systeme" entdeckt, ist in seiner poetologischen Raffinesse hinreißend. Peter K. Wehrlis "Autorenabend – bolivianisch" ist der witzigste Text der Sammlung. Und man kann Urs Frauchinger verstehen, wenn er zu Hesses "Das Pfarrhaus" anmerkt: "Mieten? Das hätte gerade noch gefehlt!"

Es fällt auf, dass gerade die Schweizer Autoren Hesse mit respektloser Frische gegenüber treten. Bei den deutschen wie den österreichischen liegt das Schwergewicht auf lyrischen Beiträgen: Wunderbar in ihrer Lakonie die "Knulp"-Variationen von Händl Klaus, entzückend Friederike Mayröckers "Variationen auf 1 verdorrtes Ästchen", von großer atmosphärischer Verdichtung Walle Sayers Hesse-Umschreibungen, und mit geradezu südländischer Heiterkeit fühlt sich Jürgen Theobaldy angesichts von Hesses Gedicht "Regen""Südwärts hingezogen". Die literaturwissenschaftlichen Beiträge müssen dagegen abfallen: kein einziger, der einen originellen Ansatz verfolgte, zumal der Hesse-Herausgeber Volker Michels unermüdlich hervorragende philologische Arbeit leistet. Da lobt man sich eine Autorin wie die in Freiburg lebende Susanne Fritz, die Hesses Befreiungstext "Der Waldmensch" mit einer makabren Selbstmordgeschichte ("Dem Licht der Sonne entgegen") kontert.

Hermann Hesse, der Missionarssohn, ein Protestant mit Hang zu spirituellen Erweiterungen, hatte keinen Humor. Das ist vielleicht der größte Einwand gegen seine Dichtung. Mit dieser Sammlung bestätigt er sich – aufs Eigensinnigste.
– Heimweh nach Freiheit. Resonanzen auf Hermann Hesse. Herausgegeben von Ulrich J. Binggeli. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012. 300 S., 19,90 Euro.

Autor: Bettina Schulte


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