Neues Buch

Weihnachten lässt Martin Graff nicht los

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 11. Dezember 2018 um 19:30 Uhr

Literatur & Vorträge

"Hänge deine Wurzeln an die Luft": Martin Graff legt mit "Geschlossene Gesellschaft" einen neuen Band mit Weihnachtsgeschichten vor.

Weihnachten lässt Martin Graff nicht los. Bereits vor vier Jahren hatte der Grenzgänger aus dem Elsass eine Sammlung von ungewöhnlichen und keineswegs beschaulichen Weihnachtsgeschichten veröffentlicht ("Weihnachten – Geschichten", Rombach Verlag). Kein Wunder, der Journalist agiert hier mit der Berufung seines ersten Berufs: evangelischer Pfarrer.

Jetzt wartet er wieder zum Fest auf mit Geschichten – und schon der Untertitel und das Buchcover lassen erahnen, dass er hier eben nicht um Äpfel, Nuss und Mandelkern’ geht – allenfalls um das Verweigern dieser: "Weihnachten – Geschlossene Gesellschaft". Im Zentrum der Titelseite steht ein kunterbunt geschmückter Christbaum inmitten eines verschneiten Winterwaldes. Davor sieht man die Scherenschnittsilhouetten einer Frau mit Kopftuch und zweier kleiner Kinder. Was sie vom Weihnachtsglück trennt ist ein Zaun – mit Stacheldraht.

"Geschlossene Gesellschaft": Das ist eine deutliche Metapher für das grassierende Sich-Abgrenzen vom Fremden, Andersartigen, auf die Bunkermentalität westlicher Gesellschaften, die sich indes immer noch gerne mit dem Etikett einer christlich geprägten Kultur schmücken. Ein paar der Geschichten hat Graff schon vor vier Jahren in seinem Weihnachtsbuch veröffentlicht. Etwa jene, in der der Pfarrer der kleinen elsässischen Gemeinde seine Schäflein mit dem Schild am Kirchenportal "Wegen Glaubensurlaub geschlossen" verstört. Das deckt sich auch mit der Intention des neuen Büchleins. Es ist der Pfarrer und der Journalist Graff gleichermaßen, die die Theorie der christlichen Nächstenliebe mit der Lebenspraxis der westlicher Wohlstandsgesellschaft abgleicht. Wenig schmeichelnd für letztere.

Neu an diesem Erzählband ist, dass Graff jeder Geschichte einen quasi-biographischen Kursivtext voranstellt, in dem er mit wachen Sinnen den Veränderungen der jüngeren Vergangenheit nachspürt: "Grenzen zu, Herzen zu, Kopf in den Sand". Das ist fast schon ein Leitmotiv für diese Weihnachtsgeschichtensammlung, an deren Ende der Autor noch eine Empfehlung in lyrischer Form stellt: "Hänge deine Wurzeln an die Luft / und klettere auf die Sterne / Erst dann blickst du über die Grenzen, ins andere Land, ins andere Herz / Erst dann blickst du über die Grenzen / ins eigene Land / ins eigene Herz". Klingt ganz einfach – Weihnachten ist eine gute Gelegenheit, es auszuprobieren.

Martin Graff: Weihnachten – Geschlossene Gesellschaft. Wellhöfer Verlag, Mannheim 2018. 110 Seiten, 14 Euro.